https://www.faz.net/-gr0-8ano1

Ein Gespräch mit Mathias Énard : „Es gibt nicht den einen Islam“

  • -Aktualisiert am

Ja, das stimmt, die Aktualität hat das Interesse vielleicht wachsen lassen.

Sie selbst interessieren sich schon lange für den Orient, haben drei Jahre in Damaskus, zwei in Beirut und ein Jahr in Teheran gelebt. Woher rührte Ihre anfängliche Neugier?

Ich komme aus einem kleinen Ort im Westen Frankreichs, da hat man immer vom Reisen, der Ferne und vom Anderssein geträumt. Was mich am Mittelmeerraum am meisten fasziniert, ist wohl seine Vielfalt, die Durchmischung und die vielen Möglichkeiten der Begegnung, die diese Gegend den Zivilisationen und Traditionen zu allen Zeiten geboten hat. Dazu gehören natürlich auch die Möglichkeiten, diese Begegnungen zu zerstören. Das Mittelmeer war immer ein Ort großer Gewalt.

In Ihren früheren Romanen, in „Zone“, aber auch in „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“, steht diese Gewalt im Mittelpunkt. Weniger als um gelungene geht es dort um verpasste Gelegenheiten der Begegnung.

Ja, aber in meinem jüngsten Roman „Boussole“ ist das schon weniger der Fall. Und wichtig ist ohnehin, dass es diese Begegnungen überhaupt gibt. Die Gewalt ist nur ein Teil der Geschichte.

Sie haben sich in „Boussole“ vor allem den Einflüssen in Musik und Literatur zugewandt. Was hat Sie dazu bewogen?

Man kennt vom Orientalismus vor allem seine Darstellungen in der Malerei – jeder hat die Bilder von Ingres oder Delacroix im Kopf. Welche Einflüsse der Orient auf die Musik hatte, darüber weiß man wenig. Man kann an diesen Einflüssen aber ganz gut zeigen, was der Orientalismus eigentlich für eine Bewegung war, in wissenschaftlicher Hinsicht, wenn man die Arbeit der Abenteurer und Archäologen betrachtet, die während der Kolonialzeit eine Rolle gespielt haben. Aber eben auch in der Literatur, der Musik und der Philosophie. Die europäische Geschichte verdankt dem, was man als orientalische Renaissance bezeichnen könnte, sehr viel, vor allem während des neunzehnten Jahrhunderts. Man neigt heute dazu, ein wenig zu vergessen, wie versessen Europa darauf war, neue Inspirationsquellen zu finden.

Man hat Sie oft als einen Brückenbauer bezeichnet, als Vermittler zwischen den beiden Welten. Sehen Sie sich selbst so?

Es stimmt schon, dass das ein bisschen meine Position ist. Aber ich bin kein Essayist, sondern Schriftsteller. Die Sprache und die ästhetische Anverwandlung des Stoffes stehen an erster Stelle. Auch wenn die aktuellen Ereignisse die Wahrnehmung vielleicht ein wenig verändern. Was mich interessiert, ist, den Lesern durch die Literatur andere kulturelle Elemente an die Hand zu geben, zu denen sie sonst vielleicht keinen Zugang haben und die sie dann weiterverfolgen können. So wie es durch die Jahrhunderte immer geschehen ist.

Merken Sie, dass die aktuellen Ereignisse Ihre Art zu arbeiten und zu schreiben beeinflussen? Oder versuchen Sie bewusst, sich davon fernzuhalten?

Das ändert sich von Buch zu Buch. Die „Straße der Diebe“ beispielsweise habe ich fast in Echtzeit geschrieben. Bei dieser Geschichte eines marokkanischen Flüchtlings habe ich die Entwicklungen genau verfolgt, während ich schrieb, das war fast wie eine Übung à l’oulipienne. Und es gibt andere Bücher, die ein bisschen von der Aktualität eingeholt werden, aber nicht aus ihr schöpfen. In „Boussole“ beispielsweise sieht man, wie die äußeren Ereignisse in das Zimmer dieses Musikers einbrechen, aber darum geht es nicht hauptsächlich in diesem Buch.

Sie haben einmal gesagt, dass es Ihnen schwerfiele, eine Sprache für das heutige, vom Krieg gezeichnete Syrien zu finden. Dabei hat der Krieg in Ihren Büchern immer wieder eine Rolle gespielt.

Ja, aber ich bin weit weg. Und es fällt mir schwer, mir die Abscheulichkeit der Situation in Syrien vorzustellen – auch wenn das Land medial sehr präsent ist, wirkt es zu irreal.

Als Sie in Damaskus, Beirut und in Teheran gelebt haben, hatten Sie da eigentlich je ein Heimatgefühl? Haben Sie jemals vergessen, dass Sie ein Fremder sind?

Man merkt schon, dass man nicht aus seiner Ecke herauskommt. Man bleibt natürlich Franzose, man wird nicht zum Syrer oder zum Libanesen, aber man kann sich trotzdem zu Hause fühlen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

Sorgen beim FC Bayern : „Es muss alles besser werden“

Drittes Spiel, dritter Sieg: Doch die Münchner zeigen in der Champions League in Piräus viele Mängel. Sportdirektor Salihamidzic übt deutliche Kritik. Dazu kommt Verletzungspech. Der nächste Spieler fehlt lange.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.