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Ein Gespräch mit Charlotte Roche : Ich bin keine Frau, die andere Frauen verrät

  • Aktualisiert am

Charlotte Roche mit Felicitas von Lovenberg in einem Kölner Hotel Bild: ©Helmut Fricke

Wer schon jetzt vom Rummel um Charlotte Roches neuen Roman „Schoßgebete“ genug hat, dem entgehen harte Wahrheiten über Paare, Sexualität und Familienleben. Roche steht mit ihrer eigenen Biographie für ihr Buch ein. So radikal wie in ihrer Literatur zeigt sie sich auch im Gespräch.

          Frau Roche, als „Feuchtgebiete“ vor drei Jahren erschien, hat mich das Buch nicht lange beschäftigt. Mit Ihrem neuen Roman ist das ganz anders: Seit ich „Schoßgebete“ gelesen habe, denke ich über das Buch nach. Es geht ja um sehr viel, fast um alles: Paare, Familien, Tod, Angst, Sexualität, Umwelt, Heilung. Wovon handelt Ihr Buch für Sie?

          Roche: Also, ich würde sagen: In „Schoßgebete“ geht es um eine Frau, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und das Ziel verfolgt, für immer mit ihrem Mann zusammenzubleiben. Es geht um Therapie und Patchwork.

          „Schoßgebete“ erzählt die Geschichte einer Frau, die heiraten will. Doch dann verunglückt ihre Familie auf der Fahrt nach England zur Hochzeit, ihre drei Brüder sterben. Die Hochzeit findet nicht mehr statt, doch die Protagonistin bekommt mit ihrem Freund eine Tochter. Das Paar trennt sich, und die Heldin heiratet einen anderen Mann, der ebenfalls ein Kind aus einer früheren Beziehung hat. Die Inhaltsangabe liest sich wie Ihre eigene Lebensgeschichte. Wie autobiographisch ist der Roman?

          Ich will mein Buch nicht zu Tode erklären. Das war bei „Feuchtgebiete“ schon so, aber aus anderen Gründen. Da habe ich als Witz gesagt, ganz viel wäre überhaupt nicht erfunden. Bei diesem Buch möchte ich solche Witze nicht machen!

          Literatur aus der Mitte der Therapiegesellschaft: Charlotte Roche

          Das Buch ist Ihrem Mann gewidmet, und dass nun viele Leute denken werden, dass Sie ein ziemlich unkonventionelles Sexleben führen, liegt auf der Hand. Wie gehen Sie damit um, und vor allem: Wie geht Ihr Mann damit um, wie hat er auf das Buch reagiert?

          Erst einmal gibt es das Buch sehr stark nur wegen ihm. Wenn ich zwei Motivationen nennen müsste, dann ist die erste mein Mann: Ich habe das Buch geschrieben, um ihn zu beeindrucken oder zu schocken oder so eine Art Hommage an ihn zu schreiben, eine unkitschige, romantische Geschichte. Der andere Grund war, dass viele in der Buchbranche gesagt haben: Nach dem Erfolg von „Feuchtgebiete“ schreibt die nie wieder was. Da dachte ich: Denen will ich es zeigen, ich hau noch ein Ding raus.

          Und Ihr Mann?

          Das kam durch ein Abendessen mit befreundeten Schriftstellern. Bei einem Paar, das schon lange verheiratet ist, ist der Mann seit kurzem besessen von jüngeren Frauen und der Vorstellung, noch einmal mit einer anderen zu schlafen. Er würde gern darüber schreiben, hat uns aber erzählt, dass er das nicht machen kann, weil er damit Schande über seine Frau bringen würde. An dem Abend hat mein Mann auf dem Nachhauseweg zu mir gesagt: Charlotte, ich möchte nicht, dass du je sagst, dass du ein Buch aus Rücksicht auf mich nicht schreiben konntest. Da habe ich angefangen nachzudenken. Denn ich will natürlich über Dinge schreiben, von denen ich glaube, dass ich dazu etwas zu sagen habe. Und das ist bei mir eben massiv das Thema Beziehungen. Der größte Teil meines Lebens und die ganze Denkaufgabe ist immer: Beziehung, Beziehung, Beziehung. Die Frage: Wie kriegt man das hin, als Frau, Mutter, Tochter, Freundin? Und da dachte ich: Darüber will ich schreiben. Mein Mann hat das Buch dann erst ganz spät, schon in einer lektorierten Fassung, zu lesen bekommen.

          Und wie hat er reagiert?

          Er war geschockt, zum Glück! (lacht) Er hatte zwar vorher gesagt: Gib Vollgas. Aber dann hat er gemeint, er hätte sich schon alles Mögliche ausgemalt, aber es sei noch viel schlimmer. Dann hat er vier Tage drüber nachgedacht. Er, das Buch und ich sind kein Problem, aber er und seine Familie oder der Metzger im Viertel sind ein Problem. Am Ende hat er aber dann gesagt: Gut, ich will nichts ändern.

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