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Ein Dichterleben : Es gibt keinen Hass. Es ist ein Wunder

  • -Aktualisiert am

Ein Leben in Bildern: In Josef Burgs Wohnung in Czernowitz Bild: Adorján

Josef Burg ist der letzte jiddische Dichter in Czernowitz, das heute in der Ukraine liegt und einst eine Weltstadt für jüdische Autoren war. Besuch bei einem Dichter, dessen Sprache fast verschwunden ist.

          Die Stimme am Telefon ist leise und hoch, und sie wird mit jedem Satz noch leiser und höher. „Sie wollen mich am Wochenende in Czernowitz besuchen? Ich weiß nicht, ob ich dann noch lebe. Ich bin sehr krank. Bald hundert Jahre. Aber gut, rufen Sie mich an, wenn Sie in der Stadt sind!“

          Josef Burg, 1912 geboren, ist in Czernowitz fast so etwas wie eine Sehenswürdigkeit. Er ist der letzte jiddische Schriftsteller dieser Stadt, einer kleinen Stadt, die heute in der südlichen Ukraine liegt und die früher, als sie zum österreichischen Kaiserreich gehörte, eine Weltstadt für jüdische Autoren war. Paul Celan ist hier geboren, Gregor von Rezzori, Rose Ausländer und viele mehr, von denen die meisten heute vergessen sind. Erschossen, vergast, vergessen. Wenn Josef Burg eines, hoffentlich noch weit entfernt liegenden Tages nicht mehr sein wird, wird auf der Welt etwas ausgestorben sein.

          Es ist kalt im Dezember

          Noch aber ist er sehr lebendig. Wenn Besuch kommt - und es kommt oft Besuch: Schulklassen aus Deutschland, Touristen, Journalisten, vergangenes Jahr war sogar Otto von Habsburg da, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers, im selben Jahr geboren wie Josef Burg -, sitzt er auf seinem Bett, das er seit langem nicht mehr verlassen kann. Hinter ihm an der Wand hängen Fotos und Bilder, die ihn in verschiedenen Stadien seines Lebens zeigen: erst mit schwarzen, dann mit grauen, schließlich mit sich immer weiter zurückziehenden weißen Haaren. Er muss einmal ein stattlicher Mann gewesen sein. Heute ist er zierlich wie ein kleiner Junge. Neben ihm auf dem Kopfkissen liegt eine Wollmütze, vielleicht trägt er sie nachts, es ist kalt im Dezember in Czernowitz.

          Der letzte jiddische Schriftsteller von Czernowitz: Josef Burg

          Er hat ein tadellos gebügeltes weißes Hemd an und einen weißen Pullunder. Seine Hornbrille ist fast so groß wie sein Gesicht. Um seine Beine hat er seine Bettdecke gelegt, fast sieht es aus, als müsste er sich damit beschweren, um nicht versehentlich hoch an die Decke zu schweben, so klein, so zart ist er. Am Fußboden gucken zwei Pantoffeln heraus. Erst später im Gespräch wird klar, dass sie jemand - vielleicht seine Tochter, die jetzt wieder bei ihm lebt, oder die Ärztin, die ihn pflegt - dort hingestellt haben muss, des ordentlichen Eindrucks wegen, denn Josef Burg hat keine Füße mehr. Die habe man ihm abgenommen, sagt er. „Ich bin ja schon kein Mensch mehr“, sagt er. „Ich sehe kaum noch etwas. Das Einzige, was Gott mir erhalten hat, ist mein Kopf.“

          Für immer Czernowitz

          Ein Besuch bei Josef Burg hat etwas Beglückendes - einen so alten Menschen noch so jung, so konzentriert zu sehen - und etwas sehr Trauriges. Denn natürlich steht die ganze Zeit die Frage im Raum: Was wäre aus ihm geworden, wenn das 20. Jahrhundert ihn nicht mit seiner gnadenlosen Härte getroffen hätte? Was hätte aus diesem Schriftsteller, dessen Werk heute nahezu unbekannt ist, werden können, wenn er nicht Wien, wo er Germanistik studierte, nach dem Anschluss hätte verlassen müssen; wenn er es zumindest, wie beabsichtigt, nach London geschafft hätte, anstatt wieder in seiner Heimatstadt zu landen, weil Deutschland ihm das Durchreisevisum verweigerte. In Czernowitz musste er - als Jude staatenlos - der sowjetischen Armee beitreten und verbrachte dann zwanzig Jahre lang im sowjetischen Exil. 1957 kehrte er schließlich, als würde ihm kein anderer Ort einfallen, wieder zurück nach Czernowitz, das nicht einmal mehr Czernowitz hieß, sondern seit 1944 Tscherniwzi, und wo niemand mehr lebte, den er noch kannte, wo alles jüdische Leben gründlich ausgelöscht worden war. Seine Mutter und Schwester waren erschossen worden, auch sonst hatte keiner seiner Verwandten den Holocaust überlebt - alle waren ermordet worden, fünfzig insgesamt.

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