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Meistersänger: Michael Köhlmeier Bild: Picture-Alliance

Michael Köhlmeier wird 70 : Wer nach Grönland geht, wird sich leicht selbst gefährlich

Er bewegt sich stets auf dem Spielplatz der Literatur: Michael Köhlmeier spielt in seinen Romanen mit historischen Fakten, die er fiktiv nacherzählt. Jetzt wird er siebzig Jahre alt.

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          Schriftsteller finden häufig Gefallen an der Idee, sich in ihren Werken der Wirklichkeit zuzuwenden und ihre Stoffe nicht mehr allein in der Imagination zu finden. Ob Mathias Énards Orient-Erzählung „Kompass“, Julian Barnes’ Schostakowitsch-Roman „Der Lärm der Zeit“ zur Stalin-Zeit oder Nora Bossongs aktuelles Werk „Schutzzone“ über eine junge Frau in Diensten der Vereinten Nationen – bei aller Verschiedenheit verbindet die Werke eines: dass sie Realität und Phantasie miteinander verknüpfen. Der österreichische Romancier Michael Köhlmeier hat sich damit schon sein halbes Leben, im Grunde von Anbeginn seines Schreibens auseinandergesetzt. Die Fusion von Fakten und Fiktion durchzieht sein vielseitiges Œuvre wie ein roter Faden, von den ersten Büchern wie „Spielplatz der Helden“ (1988) über „Abendland“ (2007), die „Abenteuer des Joel Spazierer“ (2013) bis zu den „Zwei Herren am Strand“ (2014) oder „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ (2016).

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Der Expeditionsroman „Spielplatz der Helden“, vom Hanser-Verlag vor einigen Jahren erfreulicherweise neu aufgelegt, erzählt die verbürgte Geschichte dreier Männer, die sich 1983 auf eine gewagte Grönland-Überquerung begeben und sich dabei so sehr zerstreiten, dass sie fortan kein Wort mehr miteinander wechseln. Köhlmeiers Augenmerk liegt nicht etwa auf der wahrheitsgetreuen Schilderung der Ereignisse. Was ihn interessiert, sind die Gedanken, Beweggründe und Verhaltensweisen der Männer. Denn jeder von ihnen wird auf dieser Reise nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst zur größten Bedrohung. Dabei ist klar, dass es eine wahrheitsgetreue Wiedergabe der Ereignisse nicht geben kann, sondern immer nur Eindrücke und Bilder davon. Wie der Autor die vielen Versionen dessen, was wir Wirklichkeit nennen, zusammenführt, ist grandios und lässt einen schaudern.

          Ein leidenschaftlicher Erzähler

          In „Abendland“ wiederum, Köhlmeiers Jahrhundertroman, lässt er generationsübergreifend und multiperspektivisch Welt-, Geistes- und Privatgeschichte ineinanderfließen. Um nichts Geringeres als die Charakteristik eines Jahrhunderts geht es ihm, die ihn von Göttingen, dem Mekka der Mathematiker, über das Moskau der Stalin-Ära bis zu den Nürnberger Prozessen und ins studentenbewegte Frankfurt auf dem Weg in den Deutschen Herbst führt. Das Gegenstück hierzu ist die verstörend schöne Novelle „Idylle mit ertrinkendem Hund“, in der Köhlmeier auf gerade einmal hundert Seiten in einem kalten Hohenemser Winter das Drama allen Seins entfaltet.

          Dass die Literatur alles darf und also auch aus der Geschichte schöpfen und sie verformen, diese dichterische Freiheit hat Köhlmeier sich immer herausgenommen. Er ist ein Erzähler von Gnaden und einer, dem es mehr um die Geschichten als um die Geschichte zu tun ist. Auch deshalb hat er das Nacherzählen antiker Stoffe, womit er einst berühmt wurde, als schöpferischen Akt betrieben.

          Stets nimmt sich Köhlmeier, der zusammen mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer, im österreichischen Hohenems in Vorarlberg lebt, die historischen Fakten zur Brust, um dann mit ihnen zu spielen. Weshalb es kein Zufall sein kann, dass der Roman über die drei Männer im Schnee „Spielplatz der Helden“ heißt. Köhlmeier braucht die Fiktion, um zu beglaubigen, was er nicht beweisen kann. Und sein mimetisches Verfahren ist so raffiniert, dass es ihm sogar gelingt, ein angebliches Essayfragment von Adorno, „Gerüste zu einer Theorie des Komischen“, neben die Theorie des Komischen von Henri Bergson zu stellen. „Seit 35 Jahren lüge ich: Das ist meine Geschichte, und es ist mein Beitrag zur Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts“, heißt es einmal in seinem Chaplin-Buch „Zwei Herren am Strand“. Der Romanautor, der erfindet, um eine Wahrheit zu formulieren, nämlich seine subjektive Sicht, die gar nicht erst den Anspruch hat, objektiv zu sein, lässt sich durchaus als Selbstbeschreibung lesen. Heute feiert Michael Köhlmeier seinen siebzigsten Geburtstag.

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