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Edgar Allan Poe : Auf den Schwingen der Realität

Welche Rolle spielt die Wissenschaft für die Dichtung? Vor zweihundert Jahren wurde der Dichter Edgar Allan Poe geboren, dessen Werk diese Frage beantwortet - auf überraschende Weise.

          6 Min.

          Am 4. Februar 1848 erschien ein kleiner Mann mit schmaler Brust und funkelnden Augen im Büro des Verlegers George Putnam. „Ich bin Poe“, sagte er, nachdem er Putnam eine Minute lang schweigend angestarrt hatte, und er sei in einer „äußerst wichtigen Angelegenheit“ unterwegs.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Es gehe um das Manuskript des Vortrags, den er am Vortag im großen Hörsaal der New York Society Library gehalten hätte, „Über die Kosmogenie des Universums“. Verglichen mit den Offenbarungen, die er darin mitteile, sei beispielsweise Newtons Entdeckung der Gravitationsgesetze völlig nebensächlich. Kurz: eine Riesensache. Er schlage eine Auflage von 50 000 Stück vor, natürlich nur als Anfang.

          Zwischen Schauergeschichten und Wissenschaftsinteresse

          Poes Vortrag zur Kosmogenese, der sich schon mit seinem Titel „Heureka“ in eine wissenschaftliche Tradition stellt, schildert - verkürzt gesagt - die Entstehung des Universums aus einem einzigen Punkt heraus. Daher sei alle Materie nicht nur gleichartig und hänge durch Gravitation miteinander zusammen, sondern strebe auch wieder zum Ausgangspunkt zurück. Es ist ein endliches Universum, das Poe schildert, und zugleich ein unendliches, denn seiner Vorstellung nach werde sich, was einmal geschehen sei, unendlich oft wiederholen - einmal zum Ursprung zurückgekehrt, stehe einer neuerlichen Schöpfung aus jenem einzigen Punkt nichts im Wege.

          Dass Putnam von diesem selbstbewussten Auftritt überrascht war, teilt der Verleger in seinen Memoiren mit. Was ihn aber nicht erstaunte, war die Beschäftigung Poes mit Gegenständen der Naturwissenschaft, die in jenem zweieinhalbstündigen Vortrag mündete. Denn während uns der Autor, dessen Geburtstag sich morgen zum zweihundertsten Mal jährt, vor allem für seine meisterlichen Schauergeschichten bekannt ist, für „Der Untergang des Hauses Usher“, „Der rote Tod“ oder den Roman „Arthur Gordon Pym“, war er den Zeitgenossen als Journalist und Essayist mindestens so präsent wie als Belletrist - zudem erschien 1839 unter seinem Namen ein Handbuch der Muschelkunde, das er allerdings lediglich stilistisch überarbeitet und mit einem Vorwort versehen hatte.

          Der Blick in den Schädel

          Unter den knapp eintausend Rezensionen und Essays, die er für verschiedene Magazine schrieb, beschäftigen sich viele auch mit wissenschaftlichen Themen aus Bereichen wie Physik, Geographie, Chemie, Astronomie oder Medizin. Im März 1836 besprach Poe das Buch „Phrenology . . .“ einer Mrs. L. Miles, in dem die Autorin die Schädellehre des Arztes Franz Josef Gall für ein größeres Publikum darstellt - Gall und seine Schüler Johann Caspar Spurzheim und George Combe glaubten, dass menschliche Fähigkeiten und Charaktereigenschaften im Hirn lokalisiert seien und durch Abtasten des Schädels erkannt werden könnten.

          Poe beginnt seine Rezension mit einer enthusiastischen Feier dieser „Phrenologie“ getauften Lehre, die inzwischen überall anerkannt sei und den „majestätischen Rang einer Wissenschaft“ einnehme; dass seine Beschäftigung damit über die Lektüre des besprochenen Buches hinausgeht, zeigt er, indem er ans Ende seines Textes ein weiteres Zitat von Gall stellt. Zudem legt er dar, welchen unmittelbaren Nutzen jedermann aus der Phrenologie ziehen könne, indem er sich durch die gewissenhafte Betrachtung des eigenen Schädels Einblick in seine angeborenen Talente verschaffen und so rasch seinen Platz in der Gesellschaft finden könne.

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