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E-Books : Retten wir die Buchhandlung!

  • -Aktualisiert am

Ein Bild, von dem wir uns vielleicht bald verabschieden müssen: Die Buchhandlung als Ort des Stöberns und Schmökerns Bild: MARY F. CALVERT/The New York Tim

Internetanbieter liefern uns Millionen Bücher per Mausklick. Doch die Bequemlichkeit hat einen hohen Preis: Wir entdecken nichts mehr außer unseren eigenen Vorlieben. Ein Hilferuf zum Beginn der Leipziger Buchmesse.

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          Vor ein paar Wochen erschienen die Bestsellerlisten der „New York Times Book Review“ in einer neuen Aufmachung, die, zur Einführung mit einer kleinen Fußnote versehen, den Verkauf von E-Books erstmals getrennt wiedergab. Die neuen Listen waren unvermeidlich: Im Jahr 2010 hatten E-Books einen Anteil von etwa zehn Prozent am Buchverkauf erreicht, und diese Zahl steigt rapide an. Um die eigentliche Neuigkeit zu finden, musste man zwischen den Zeilen lesen, aber da hatte man sie: Der wachsenden Liste von Dingen, die es in der Welt unserer Kinder nicht mehr geben wird, können wir jetzt Buchläden hinzufügen. Überrascht uns das? Sollten wir uns darum kümmern?

          Buchhändler gab es schon im antiken Griechenland und Rom, ebenso wie in der islamischen Welt des Mittelalters, aber die moderne Buchhandlung entstand erst nach der Erfindung des Buchdrucks. Im England des sechzehnten Jahrhunderts bedurfte es einer königlichen Lizenz als Genehmigung, ein Buch zu drucken, und Texte, die der Krone missfielen, wurden unterdrückt.

          Doch obwohl der Handel mit verbotenen Schriften unter Strafe stand, gab es Buchhändler und Leser, die das Risiko auf sich nehmen wollten, und diese Bücher wurden verkauft und gelesen. Mit anderen Worten, der Buchhändler war von Anfang an eine unabhängige Figur, wenn nicht per Gesetz, so doch im Geist. Als die Bücher erschwinglicher und vielfältiger wurden, entwickelte sich der Buchhändler zum Kurator: demjenigen, der eine Sammlung nach seinem Geschmack zusammenstellt, herausgibt und präsentiert.

          Der Gang durch eine heutige Buchhandlung hat gewisse Ähnlichkeit mit der Betrachtung eines einzigen der unendlich vielen Fotografien, die von der Welt gemacht werden könnten: Sie bietet dem Leser einen Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens kann er entscheiden, was er mag und was nicht, was das Richtige oder das Falsche für ihn ist. Er kann stöbern, schmökern, dieses Angebot auswählen, jenes verwerfen und so allmählich einen Überblick für sich und die eigenen Vorlieben gewinnen.

          Eine Art beschleunigter Tourismus

          Das Internet hat das Wort browse, stöbern, für seine eigenen Zwecke vereinnahmt, aber der Unterschied zwischen dem Stöbern in einem virtuellen Reich und dem Stöbern in der Wirklichkeit ist eklatant. Je nach den eingegebenen Begriffen liefert eine Internet-Suchmaschine in der Regel Hunderte, Tausende oder Millionen von Treffern, die der Nutzer dann durchsehen kann, indem er anklickt, was seinem Interesse am ehesten zu entsprechen scheint. Das Internet besitzt die seltsame Fähigkeit, dass es eine unermessliche Vielzahl versammeln kann und dem Anwender zugleich fast immer Ergebnisse auswirft, die seine schon bestehenden Interessen nähren und seine schon bestehenden Überzeugungen bestätigen. Es verweist auf ein Paradoxon, das vielleicht eines der heikelsten unserer Zeit ist: Durch den Zugriff auf alles bekommt man nichts Besonderes heraus.

          Wofür soll dieser Zugriff schließlich gut sein, wenn wir nichts anderes finden als immer wieder den Rückweg zu uns selbst, wie wir nun einmal sind, unseren alten Interessen, unseren eingefleischten Überzeugungen? Was wollen wir wirklich: bestätigt oder verändert werden? Für eine Bestätigung ist das Internet genau richtig ausgelegt. Aber wenn wir uns verändern wollen, wenn wir die Herausforderung und Infragestellung suchen, brauchen wir eine Möglichkeit, uns auf den Weg des Zufalls zu begeben. Darum kann Fülle den Geist beschränken. Amazon mag die Welt für Sie kuratieren, aber nur indem es Ihre Interessen durchsiebt und Ihnen Variationen Ihrer alterprobten Themen zurückschickt: Ja, ich liebe Handke! Ja, ich wollte doch sowieso gerade dieses obskure Stück von Thomas Bernhard lesen! Ein Buchladen dagegen verlangt, dass Sie auf der Suche nach dem, was Ihnen vorschwebt, die Regale sichten. Sie gehen hinein, um Hemingway zu kaufen, und am Ende kommen Sie stattdessen mit Homer wieder heraus. Das Stöbern im Buchladen regt den Spürsinn an und bringt Überraschungen.

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