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Durs Grünbeins Vorlesungen : Die Unterwerfung der Zungen

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Die europäische Dimension des Luftkriegs: JU-42 übner Kreta, 1941 Bild: Picture-Alliance

Streitbar und geradeheraus für eine offene Gesellschaft: In seinen „Oxford Lectures“ gibt Durs Grünbein Aufschluss über sein Denken und Schreiben.

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          Wenn es die Zeit verlangt, sollte auch ein Dichter sich nicht zu fein sein, in die Arena zu steigen. Dieser Maxime scheint Durs Grünbein bereits seit einigen Jahren zu folgen. Unter großer öffentlicher Anteilnahme geschah dies, als er 2018 bei einer skandalträchtigen Dresdner Podiumsveranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit gegen einen echauffierten Uwe Tellkamp, dem aus dem Publikum der neurechte Publizist Götz Kubitschek zur Seite sprang, die Grundprinzipien der offenen Gesellschaft verteidigte. Aber nicht nur in der Sache stellte sich Grünbein gegen seinen Mitdiskutanten, sondern auch im Stil: Dem autoritären Gestus Tellkamps, der mit einem irritierenden Beleidigtsein einherging, begegnete er mit einer bis in die Körperhaltung reichenden Gelassenheit, ohne dabei in der Sache weniger entschieden zu sein. Das war groß.

          Grünbeins Vorlesungen, die er 2019 als Inhaber der Weidenfeld-Gastprofessur an der Universität Oxford vorgetragen hat, kommen nun ebenfalls ohne jede intellektuelle Spitzfingerigkeit daher. Dies zeigt sich zunächst in der Redeweise. Grünbein wurde in der Vergangenheit, oft mit Bewunderung, von einigen auch mit Befremden, als gelehrter Dichter bezeichnet, was insbesondere aus seiner intensiven Neigung zur antiken Kultur und einem damit einhergehenden ornatus difficilis herrührte. Wie anders, wie bemerkenswert geradeheraus dagegen nun die „Oxford Lectures“, in denen sich Grünbein unverhohlen gegen die regressiven bis revanchistischen Tendenzen der deutschen Gegenwart wendet: „Keiner springt aus der historischen Zeit, niemand entzieht sich der Formung durch die Geschichte . . . Und so gibt es auch nicht den vielbeschworenen Schlußstrich.“ Eine erinnerungspolitische Selbstverständlichkeit, die auszusprechen fast ein bisschen banal sein könnte? So hätte man, so hätte vermutlich auch Grünbein selbst vor einigen Jahren noch eingewandt. Heute kann man es offenbar nicht oft und nicht ausdrücklich genug sagen.

          Vorstellungen klebriger Servilität: Von einer Hitler-Briefmarke gehen Grünbeins Überlegungen über die „irren zwölf Jahre der Naziherrschaft“ aus.
          Vorstellungen klebriger Servilität: Von einer Hitler-Briefmarke gehen Grünbeins Überlegungen über die „irren zwölf Jahre der Naziherrschaft“ aus. : Bild: Bergmann, Wonge

          Dem gegenwärtig in der Tat viel-, nämlich laut Umfrage von präzise 28 Prozent der Deutschen beschworenen Wunsch nach einem „Schlußstrich“ hat Grünbein zunächst nur eines entgegenzusetzen, nämlich seine „Unruhe“. Von ihr spricht er in der ersten und in der letzten der insgesamt vier Vorlesungen. Von der Unruhe des Kindes, in dessen Briefmarkensammlung sich auch eine Marke mit dem Kopf desjenigen Mannes befindet, „dessen Name sich damals nur hinter vorgehaltener Hand aussprechen ließ“. Und von der Unruhe des Erwachsenen, der nicht davon ablassen kann, „wie gebannt auf die irren zwölf Jahre der Naziherrschaft“ zu blicken, ohne dabei sicher bestimmen zu können, woher dieses Gebanntsein eigentlich rührt.

          Hitler als Briefmarke

          Die erste Lecture setzt also mit Überlegungen zur Hitler-Briefmarke im Kontext der NS-Propaganda ein. Grünbein hebt dabei mit starkem Ekel das massenhafte Ablecken der Marke hervor, „die Vorstellungen dieser sklavischen Vielzüngigkeit, Doppelzüngigkeit, klebrigen Servilität“. Im nächsten Vortrag spricht er über die Autobahn, jahrzehntelang die Lieblingschiffre der Geschichtsrelativierer, und beschreibt dabei nicht bloß den ideologischen und ästhetischen Gehalt des riesigen Bauprojekts (konkret: die Choreographierung der Autofahrt als überwältigendes Heimaterlebnis), sondern auch die Entrechtung und Ausbeutung der Arbeiter zu bloßen „Lohnsklaven“ (denen, nach Kriegsbeginn, „echte Sklaven“ folgen sollten, nämlich deportierte Zwangsarbeiter aus ganz Europa). Überreste hat der nationalsozialistische Autofetisch aber nicht nur in den Biographien und Landschaften hinterlassen, sondern auch in der Sprache: Aus Victor Klemperers klassischer Untersuchung der „Lingua Tertii Imperii“ erfährt Grünbein, dass zum Beispiel das Wort „spuren“ zunächst ein Begriff des Automobilbaus war, bevor die Nazis es gezielt auf den Bereich der Politik und der Gesellschaft übertrugen.

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