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George Steiner wird 90 : Vom Gewicht des Gedichts

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George Steiner, umgeben von Kunst in realer Gegenwart Bild: Antonio Olmos /eyevine

George Steiner ist ein Seelenwanderer durch die Geschichte des Humanismus und ein Verteidiger der Kunst gegen den Wust des Kommentars. Durs Grünbein gratuliert ihm zum neunzigsten Geburtstag.

          „Karl Emil Franzos, der Schriftsteller und Erstherausgeber von Büchners Woyzeck, war mein Großonkel. Ich bin in Paris geboren und dort und in New York aufgewachsen.“ Der Satz findet sich mitten in einer umfangreichen Abhandlung, in dem, was man sein Opus Magnum genannt hat, und er ist typisch für George Steiner, typisch mit seiner jähen Wendung ins Autobiographische, die dazu auch noch mit einer Überraschung aufwartet. „Nach Babel“, der Versuch einer umfassenden Poetik der Übersetzung, war die Bibel der Übersetzungstheorie, 1975 erschienen und zwanzig Jahre später noch einmal in einer erweiterten Fassung. Die Revision, über einen so langen Zeitraum hinweg, zeugt von der Zentralstellung der Problematik in Steiners Gesamtwerk. Hier schrieb einer, der mehr war als nur ein Sprach- und Literaturwissenschaftler unter vielen – die Verkörperung des klassischen Universalgelehrten.

          Rührung erfasste mich beim Anblick des kleinen Mannes, als wir uns erstmals begegneten. Da war einer, der ganze Bibliotheken in sich trug – aber ich sah nur die Hand, Verzeihung, George, die verkrüppelte Schreibhand, die meistens versteckt blieb. Dass es heute so aussieht, als wäre er aus der Zeit gefallen, scheint seine These vom Niedergang des Humanismus in der westlichen Welt zu bestätigen. „Nach Babel“ war seine Kritik am Anspruch der damals gängigen Sprachtheorien und Meta-Linguistiken, insbesondere der Transformationsgrammatik eines Noam Chomsky. „Innersprachlich wie zwischensprachlich ist menschliche Kommunikation Übersetzung. Wer sich auf das Problem des Übersetzens einlässt, betreibt damit Sprachforschung.“ Es ging ihm um die „Stammbaum-Struktur“ aller literarischen Überlieferung, um die Wiederkehr bestimmter Erzählungen und ihrer Muster quer durch die Literaturgeschichte. „Alle Bücher wiederholten insgeheim und reichten in einer unendlichen Kette von Seelenwanderungen wie in Platons Ion zurück bis zu einem Initialmysterium göttlicher Berufung.“ Zur Transparenz seiner Methode gehörte, dass man in seinen Studien die Kunst der Begriffsbildung miterleben konnte. Ein Beispiel: Ausgehend von einem Gedicht John Donnes: „When love with one another so / Interinanimates two soules“, entwickelt er den Terminus „Interanimation“ (gegenseitige Beseelung) als Prinzip literarischer Fortschreibung. Klar war aber auch: „Das Gedicht kommt vor seiner Auslegung. Das Gedicht ist, der Kommentar bedeutet.“ Fast eine Binsenweisheit, aber keiner hatte sie je so klar auszusprechen gewagt und damit eine ganze Zunft gegen sich aufgebracht.

          Nur bei den Dichtern fühlt er sich wirklich zu Hause

          Dazu gehörte ein Spürsinn, der so frei nur bei ihm durch die abendländische Schriftkultur manövrierte. Dazu gehörte aber auch sein Vermögen, weit entfernte Wissensbereiche zusammenzudenken, einschließlich der Neuigkeiten in Atomphysik, Hirnforschung, Psychologie und Anthropologie. Phänomenale Perspektiven ergaben sich so. Mühelos zwischen den Kunst- und Erkenntnisformen springend, standen ihm jederzeit Vergleiche aus ältester Dichtung, Religion, Tragödie, Philosophie, Oper und Malerei zur Verfügung, scheinbar die ganze Schriftüberlieferung. „In der Faktizität der Sprache herrscht ein Getümmel widerstreitender Antriebe wie auf Leonardos Darstellungen der Flechten und Spiralen von fließenden Gewässern.“ Sätze wie dieser legen es nahe, in ihm eine Art Super-Komparatisten zu sehen, der aber immer geerdet blieb. Nur bei den Dichtern fühlte er sich wirklich zu Hause.

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