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Durs Grünbein im Gespräch : Ohne Mauer keine DDR

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Durs Grünbein, 1989 vor dem Reichstag Bild: Renate von Mangoldt

Ist Freiheit eine körperliche Erfahrung? Und was geschah im Oktober vor dreißig Jahren in der DDR? Eine Fragestunde mit Durs Grünbein.

          8 Min.

          Herr Grünbein, was geschah in den Oktobertagen 1989 in der DDR?

          In kurzer Folge und zunehmender Ereignisdichte lief das Ganze auf die Öffnung der Mauer hinaus. Es fängt an mit der Besetzung der Prager Botschaft durch die Ausreisewilligen. Dann Verhandlungen der DDR-Regierung mit der Bundesregierung. Die Botschaftsbesetzer werden in den Westen entlassen, aber über das Ostterritorium, als Demonstration der Souveränität der DDR, was, wie ich glaube, ein schwerer Fehler war. Weil die Züge, die über Dresden Richtung Westgrenze fuhren, für ungeheuren Aufruhr und Unmut sorgten. Es gab Tausende, die mitwollten, aber nicht konnten und den Bahnhof in Dresden blockierten. Das puschte sich hoch, es wurden gewalttätige Auseinandersetzungen. Zum ersten Mal brannten Autos. Pflastersteine flogen. In den Tagen darauf kam es in verschiedenen Städten zu spontanen Demonstrationen. Im Berliner Fall war ich dabei. Ich bin am 7. Oktober nachmittags gegen zwei Uhr auf den Alexanderplatz gegangen. Über Flüsterpropaganda hatte ich gehört, dass dort was stattfindet.

          Sie hatten gehört, da findet etwas statt, aber keine Ahnung, was genau da passieren sollte?

          Niemand wusste, was da stattfinden sollte. Wir standen zunächst nur herum. Trotzdem war sofort die Staatssicherheit da. Das war ein gefährlicher Moment, weil die sich Einzelne schon herausgriffen. Es gab Gejohle, Unmut, Sprechchöre. Zum ersten Mal wussten die Leute, warum sie da waren. Sie waren gegen die Stasi, gegen Gewalt. Plötzlich kamen Sprechchöre auf, „zum Palast der Republik!“. Dort wurde der 40. Geburtstag der DDR gefeiert, mit Gorbatschow und den anderen Staatsführern. Da hatte man ein Ziel. In dem Moment waren es schon so viele, das konnten keine Polizeikräfte mehr aufhalten. Die Demonstration kam ziemlich dicht an den Palast heran. Irgendwann erschienen die ersten Funktionäre und schauten herunter. Während im Saal das Fest weiterging, abgeschirmt von dem Geschehen draußen. Das ging bis in die Abendstunden. Die Leute wussten dann nicht weiter. Ihr Wunsch, dass sich Gorbatschow zeige und eine Ansprache hielte, wurde nicht erfüllt.

          Das heißt, Sie hatten keinen Plan?

          Praktisch wurde die Lektion erst beim Demonstrieren gelernt. Am nächsten Tag wurden Plakate mitgebracht, die Sprechchöre waren viel klarer. Es gab ein paar Leute mit Führungsqualitäten. Es gab ein Warnsystem, damit man wusste, an welchen Straßen militärische Kräfte, Polizei oder die Staatssicherheitsbusse standen. Die Selbstorganisation der Menge war für mich das Interessanteste. Das war eine Bevölkerung, die hatte marschieren, die hatte paradieren gelernt. Wir hatten gesehen, wie es bei der großen Parade zum DDR-Jubiläum zuging, wie das Volk an den Tribünen vorbeilief. Später kam die Idee auf, die Politiker am Volk vorbeilaufen zu lassen. Die Menge hatte das Demonstrieren nicht gelernt. Aber sie hatte Lust. Die Menge spürte sich selber. Spürte ihre Kraft, einfach durch die schiere Zahl. Man musste jetzt nur zusehen, dass sie sich schön nach außen panzert.

          Sie mussten darauf achten, nicht getrennt zu werden?

          Genau, denn was konnte die Macht tun? Reinschießen ging nicht. Man versuchte also immer wieder, Einzelne rauszuziehen, kleinere Gruppen zu separieren. War das gelungen, setzte sofort ein Kesseltreiben ein. Es gab aber Situationen, in denen die Polizei und das Militär zum Angriff übergingen, es schafften, die Menge zu zerreißen, und die Leute knüppelten. Dann mussten wir sehen, wie wir wieder zusammenfinden konnten, um einen Block zu bilden, in den sie nicht reinkamen. Es war aber unaufhaltsam geworden. Man hörte, dass das in anderen Städten auch passierte. Für uns, also meine Freunde und mich, Künstlertypen, war das mehr so eine Gaudi. Wir hatten eine ironische Haltung zu all dem. Klar, die Forderungen waren berechtigt, aber ich hab’ mich nie mitbrüllen sehen. Es war ein gutes Gefühl der Solidarität. Trotzdem haben wir das nicht so ernst genommen, sondern mehr wie ein Happening. Hin und wieder gab es Zwiegespräche mit Polizisten, deren Mienen aber finster blieben. Man versuchte, sie zu entspannen: „Kommt, Jungs, zu uns rüber!“ oder „Setzt mal eure Mützen ab!“

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