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Doris Lessing zum Neunzigsten : Epen vom Ende des britischen Weltreiches

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Es gibt Aufregenderes als einen Nobelpreis: Doris Lessing 2007 Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Immer wieder Aufbrüche: Aus dem kolonialen Rhodesien ins London der Nachkriegszeit und dann weiter in Mystik und Utopie. Doris Lessing, die Epikerin vergangener Welten, wird an diesem Donnerstag neunzig Jahre alt.

          „Ach Gott, es gibt Aufregenderes“, sagte sie nur, rückte Haarknoten und Strickjacke zurecht und verschwand hinter dem Gartentor. Sie war gerade vom Einkaufen gekommen, aber es hätte genauso gut ein anderer Planet sein können, so aus der Zeit gefallen wirkte sie, als im Oktober vor zwei Jahren die Reporter vor ihrem Haus in London-Hampstead warteten, weil eben bekanntgeworden war, dass sie den Nobelpreis erhalten hatte. Doris Lessing wirkte zwischen den Mikrofonen und Fernsehkameras wie ein lebendes Fossil aus einer vergangenen Welt: dem Kolonialreich Großbritannien.

          Es sind die späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre, in denen sie aufwächst, inmitten der weiten Steppe von Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe. Der Vater ist Offizier, die Mutter Krankenschwester und der Haushalt auf ihrer Farm von jener pragmatischen Strenge, die entsteht, wenn katholische Frömmigkeit und spätviktorianisches Erfolgsstreben aufeinandertreffen, im Busch von Südafrika: Man lebt zwischen zwei Welten, die von einem Vorhang getrennt sind - davor die Löwen, dahinter Fünfuhrtee mit Gebäck. Mit zwanzig tritt sie hinaus. Auf zwei kurze Ehen folgen längere Flirts mit islamischer Mystik und Kommunismus, sie probiert einen Lebensentwurf nach dem andern an, rasch, als ahne sie, dass die Tage des Freiseins gezählt waren wie die des langsam versinkenden Empire.

          Die menschliche Existenz als innere Einheit

          Für diesen Moment einen englischen Roman zu finden sei unmöglich gewesen, schrieb sie später, da war sie dreißig, zweifach geschieden und lebte alleinerziehend im zerstörten Nachkriegslondon. Einen Roman, der das geistige Klima Großbritanniens beschreiben sollte, wie es Tolstoi für Russland und Stendhal für Frankreich getan hatte - Doris Lessing machte sich kurzerhand selbst daran, die Atmosphäre der Verschiebung ihrer Welten, Buch für Buch, Literatur werden zu lassen.

          „Die Essenz der Geschichte ist doch, dass wir uns nicht zerreißen lassen dürfen im Leben”: Doris Lessing wird neunzig

          Ihr erster Roman, „The Grass is Singing“ (1949), der davon erzählt, wie ein schläfriges Farmleben in Gewalt explodiert, als eine verbotene weiß-schwarze Affäre auffliegt, steckte mit seinem Thema vom Herrschen und Beherrschtwerden die Grenzmarken des Feldes ab, auf das Doris Lessing mit ihren späteren Werken immer wieder zurückkehrte: die Darstellung von Ungleichheit und Gegensätzen. Unter ihnen ragt der Roman „The Golden Notebook“ (1962) hervor, der mit der Aufzeichnung der Erlebnisse zweier sexuell und intellektuell ungebundener Frauen auf den Protestwellen der sechziger Jahre zum Schlüsselroman der Frauenbewegung aufstieg - auch wenn es eigentlich weniger um den politischen Anspruch der befreiten Frau ging als darum, sie als Hoffnungsfigur der Gegenwart zu zeigen: „Die Essenz der Geschichte ist doch“, so schrieb Doris Lessing im Nachwort, „dass wir uns nicht zerreißen lassen dürfen im Leben.“ Die menschliche Existenz als innere Einheit: Die Schriftstellerin hat diese Lebensweisheit immer weiter geführt, in Weltraumphantastik, Gesellschaftsutopie und Zivilisationskritik, bis sie im letzten Jahr mit „Alfred and Emily“ (2008), der fiktionalen Biographie ihrer Eltern, zu ihren Anfängen in Rhodesien zurückkehrte.

          Eine Epikerin vergangener Welten

          Für ihren Anspruch auf Ganzheitlichkeit, der aus ihren Werken, einzeln und insgesamt, spricht, ist Doris Lessing oft kritisiert worden: Ihre Literatur verströme einen Humanismus, der etwas altfränkisch Lavendelparfümiertes habe. Aber hat nicht jede Zeit ihre Dichter? „Ein Buch“, hielt Lessing ihren Kritikern entgegen, „lebt nur so lange, wie seine Gestalt verborgen bleibt: Der Moment, in dem alles sichtbar wird, ist der, in dem nichts mehr herauszuholen ist. Dann gilt es, etwas Neues anzufangen.“

          In den vergangenen sechzig Jahren hat Doris Lessing fast jedes Jahr ein Buch geschrieben. Bücher, scheint es, haben für sie dieselbe Beschaffenheit wie die Sterne, die sie seit ihrer Kindheit inmitten der weiten Steppe faszinieren: Im Moment, in dem sie lebendig sind, strahlen sie, dann erlöschen sie irgendwann, und neue entstehen, es ist ein natürlicher Ablauf. Doris Lessing, die Epikerin vergangener Welten, wird am Donnerstag neunzig Jahre alt. Sie schreibt bereits an ihrem nächsten Buch.

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