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Donna Tartt, Amerikas Dichterin : Sie macht den größten Malern Konkurrenz

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Eine literarische Stimme die man nicht mehr vergisst: Donna Tartt Bild: TANIA/A3/CONTRASTO/laif

Zum Schreiben braucht sie so viel Zeit, wie im Buch vergeht: Ein Abend in New York mit der Schriftstellerin Donna Tartt. Bald werden sich auch deutsche Leser davon überzeugen können: Ihr neuer Roman „The Goldfinch“ ist ein Wunder der Literatur.

          Wenn von einer langen Pause die Rede ist, macht Donna Tartt eine lange Pause. Die 1963 geborene Schriftstellerin liest im großen Saal des 92Y, des jüdischen Kulturzentrums auf der Upper East Side, die ersten beiden Unterabschnitte des dritten Kapitels ihres neuen Romans „The Goldfinch“. Der Erzähler hat davon berichtet, wie er seine Mutter verloren hat. Theo war dreizehn Jahre alt, als sie mit ihm eines Morgens eine Sonderausstellung von niederländischen Gemälden aus dem Goldenen Zeitalter im Metropolitan Museum of Art besuchte. Die Mutter ging noch einmal zurück, um einen zweiten Blick auf Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“ zu werfen. Der Sohn sollte vorausgehen und Postkarten kaufen. Da ereignete sich eine gewaltige Explosion. Als Theo im Staubnebel wieder zu sich kam, nahm er auf Geheiß eines alten Mannes den „Stieglitz“ von Carel Fabritius an sich, das kleine, unheimlich friedliche Bild eines gefangenen Vogels.

          Der von Donna Tartt für die Lesung ausgewählte Abschnitt setzt ein, als Theo in der Obhut zweier Sozialarbeiter ist. Ob er verstehe, wollen seine Beschützer von ihm wissen. Versteht er, dass seine Mutter tot ist? Theos langes Schweigen zeigt, dass er schon verstanden hat. Dass er schließlich mit „Ja“ antwortet, ist nach seiner Erläuterung nur ein Zugeständnis an die sprachliche Konvention.

          Die Handlung des fast achthundert Seiten dicken Romans umspannt einen Zeitraum von zehn Jahren. Theo erzählt in der Rückschau, hat die Erinnerungsbilder angereichert mit gelehrter Kommentierung, als wollte er die Machart der an jenem Morgen zerfetzten Meisterwerke der Feinmalerei nachbilden. Beispielsweise vergleicht er den weißhaarigen, gutmütigen Vater seines Freundes mit einem amerikanischen Gründervater der zweiten Reihe, einem Hinterbänkler unter den Delegierten der dreizehn Kolonien; die Autorin markiert ein heimeliges Kichern, als sie diese Passage vorträgt. Aber obwohl der Erzähler historischen Abstand zum Urereignis seiner eigenen Lebensgeschichte gewonnen hat, steht er immer noch unter Schock. Donna Tartt liest langsam, fast tonlos, verleiht ihrem Helden einen Habitus der Objektivität: Den Massenmord zu überleben war Theos Anatomielektion.

          Genauigkeit im Gigantischen

          Donna Tartt bestreitet den Abend gemeinsam mit ihrem sechzehn Jahre älteren Kollegen Allan Gurganus, der von John Cheever entdeckt wurde. Donald Antrim stellt ihn als inspirierenden Schreiblehrer vor. Gurganus liest ein Stück aus der dritten und letzten Geschichte seines neuen Erzählungsbandes „Local Souls“. In „Decoy“ geht es ebenfalls um eine Katastrophe. Eine Überschwemmung zerstört die Häuser der vornehmsten Gegend von Falls, der kleinen Stadt mit sprechendem Namen in North Carolina, in der alle Geschichten spielen. Im Kosmos von Gurganus sind die Gewalt der Umwelt und die Kraft des Erzählens zwei Spielarten derselben Macht der Natur.

          Dieses epische Elementargeschehen gestaltet Gurganus im Vortrag dramatisch, durch Kontraktion und Dehnung, durch häufigen Wechsel von Lautstärke und Tonhöhe. Donna Tartt rühmt den Wohlklang seiner Stimme. Die Erzählerfiguren von Gurganus sind niemals einsam und richten sich in ihrem Schicksal ein. Dagegen bleibt in „The Goldfinch“ das Furchtbare, das Theo widerfährt, dem zur Überempfindlichkeit verdammten Jungen äußerlich. Die Stadt, erläutern ihm die Sozialarbeiter, werde bis auf weiteres die Stelle seiner Eltern einnehmen. Alle Geborgenheit hat Theo mit einem Schlag eingebüßt, seine vertraute Umgebung ist ihm komplett fremd geworden. Die Stadt stellt ihm bereit, was er zum Überleben braucht; New York, die Stadt der Städte, belohnt die Mühe der Dechiffrierung und Aneignung und bleibt dennoch feindliches Terrain.

          Drei stattliche Romane aus 22 Jahren umfasst das Werk von Donna Tartt. Mit „The Secret History“ wurde sie 1992 weltberühmt. 2002 folgte „The Little Friend“. Ihre Protagonisten befinden sich an der Schwelle zum Erwachsenendasein und müssen außergewöhnliche hermeneutische Fähigkeiten entwickeln: Im ersten Buch verstrickt sich ein Student an einem neuenglischen Elite-College in mörderische Rituale nach klassischem Drehbuch, im zweiten wird ein Mädchen in einer kleinen Stadt in Mississippi von der Erinnerung an den unaufgeklärten Tod seines Bruders heimgesucht. Gurganus, der 1989 mit dem Riesenroman „Oldest Living Confederate Widow Tells All“ debütierte, rühmt an der Phantasie von Donna Tartt die Genauigkeit im Gigantischen. Im Großen wie im Kleinen hat sie an den Klassikern der viktorianischen Romanschriftstellerei Maß genommen.

          Die Idee hatten die Taliban

          Während der weißbärtige Gurganus die Zuhörer als Brüder und Schwestern anspricht, hat Donna Tartt sich mit militärisch knapper Gestik vorgestellt: Verbeugung und Hand aufs Herz. In ihrem schwarzen Anzug mit Einstecktuch und roter Krawatte, der an eine Kadettenuniform denken lässt, gibt die kleine Person selbst ein Bild der Selbstdisziplin ab, die sie ihren jugendlichen Helden diktiert.

          Elf Jahre liegen zwischen „The Goldfinch“ und „The Little Friend“; Gurganus hatte sogar seit 1997 kein Buch mehr veröffentlicht. In der Stadt der Überproduktivität möchte ein Zuhörer wissen, warum die beiden Autoren sich so viel Zeit genommen haben. Gurganus gibt an, das Metier des Schriftstellers sei die Vollendung von Sätzen, und diese Arbeit brauche eben ihre Zeit. Er lebe mit seinen Figuren und lerne sie in ein paar Wochen oder Monaten nicht gründlich genug kennen. Erst allmählich stellten sich in diesem Verhältnis Tiefe und Glanz ein. „Hört, hört“, sagt Donna Tartt und fügt hinzu, dass sie für „The Goldfinch“ genau so viel Zeit benötigt habe, wie im Buch vergehe. „Diese Zeit ist jetzt im Buch, und ich bin nicht mehr dieselbe Person, die ich war, als ich es zu schreiben anfing.“

          Wie ist sie auf die Idee gekommen, das Metropolitan Museum in die Luft zu jagen? „Das war nicht meine Idee, die Idee hatten die Taliban. Die Zerstörung der Buddhas von Bamiyan war das Steinchen in meinem Schuh: der Gegenstand, den ich mit mir herumgetragen habe und der dann irgendwann fiktionale Gestalt annahm.“ Irgendwann: „Ich folge meinen bewussten Gedanken lieber nicht zu genau.“ Durch Zuhören, erzählt sie, ist sie zur Erzählerin geworden. Wie Allan Gurganus ist sie im Süden aufgewachsen, und dort gingen überall Geschichten um. Wenn die Erwachsenen redeten, legte sich das Kind in der Mitte des Zimmers auf den Boden und tat so, als sei es mit seinem Malbuch beschäftigt. Donna rührte die Stifte nicht an, als hätte sie geahnt, dass sie Rembrandt und Fabritius einst mit Worten würde Konkurrenz machen wollen.

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