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Donna Tartt, Amerikas Dichterin : Sie macht den größten Malern Konkurrenz

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Drei stattliche Romane aus 22 Jahren umfasst das Werk von Donna Tartt. Mit „The Secret History“ wurde sie 1992 weltberühmt. 2002 folgte „The Little Friend“. Ihre Protagonisten befinden sich an der Schwelle zum Erwachsenendasein und müssen außergewöhnliche hermeneutische Fähigkeiten entwickeln: Im ersten Buch verstrickt sich ein Student an einem neuenglischen Elite-College in mörderische Rituale nach klassischem Drehbuch, im zweiten wird ein Mädchen in einer kleinen Stadt in Mississippi von der Erinnerung an den unaufgeklärten Tod seines Bruders heimgesucht. Gurganus, der 1989 mit dem Riesenroman „Oldest Living Confederate Widow Tells All“ debütierte, rühmt an der Phantasie von Donna Tartt die Genauigkeit im Gigantischen. Im Großen wie im Kleinen hat sie an den Klassikern der viktorianischen Romanschriftstellerei Maß genommen.

Die Idee hatten die Taliban

Während der weißbärtige Gurganus die Zuhörer als Brüder und Schwestern anspricht, hat Donna Tartt sich mit militärisch knapper Gestik vorgestellt: Verbeugung und Hand aufs Herz. In ihrem schwarzen Anzug mit Einstecktuch und roter Krawatte, der an eine Kadettenuniform denken lässt, gibt die kleine Person selbst ein Bild der Selbstdisziplin ab, die sie ihren jugendlichen Helden diktiert.

Elf Jahre liegen zwischen „The Goldfinch“ und „The Little Friend“; Gurganus hatte sogar seit 1997 kein Buch mehr veröffentlicht. In der Stadt der Überproduktivität möchte ein Zuhörer wissen, warum die beiden Autoren sich so viel Zeit genommen haben. Gurganus gibt an, das Metier des Schriftstellers sei die Vollendung von Sätzen, und diese Arbeit brauche eben ihre Zeit. Er lebe mit seinen Figuren und lerne sie in ein paar Wochen oder Monaten nicht gründlich genug kennen. Erst allmählich stellten sich in diesem Verhältnis Tiefe und Glanz ein. „Hört, hört“, sagt Donna Tartt und fügt hinzu, dass sie für „The Goldfinch“ genau so viel Zeit benötigt habe, wie im Buch vergehe. „Diese Zeit ist jetzt im Buch, und ich bin nicht mehr dieselbe Person, die ich war, als ich es zu schreiben anfing.“

Wie ist sie auf die Idee gekommen, das Metropolitan Museum in die Luft zu jagen? „Das war nicht meine Idee, die Idee hatten die Taliban. Die Zerstörung der Buddhas von Bamiyan war das Steinchen in meinem Schuh: der Gegenstand, den ich mit mir herumgetragen habe und der dann irgendwann fiktionale Gestalt annahm.“ Irgendwann: „Ich folge meinen bewussten Gedanken lieber nicht zu genau.“ Durch Zuhören, erzählt sie, ist sie zur Erzählerin geworden. Wie Allan Gurganus ist sie im Süden aufgewachsen, und dort gingen überall Geschichten um. Wenn die Erwachsenen redeten, legte sich das Kind in der Mitte des Zimmers auf den Boden und tat so, als sei es mit seinem Malbuch beschäftigt. Donna rührte die Stifte nicht an, als hätte sie geahnt, dass sie Rembrandt und Fabritius einst mit Worten würde Konkurrenz machen wollen.

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