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Donna Leon im Gespräch : Amerikaner sind so dumm!

Donna Leon, kürzlich in Berlin – bei ihrem Lieblingsitaliener „Il Castello“ Bild: Jens Gyarmaty

Sechsundzwanzig Mal hat Donna Leon aus New Jersey schon über Kommissar Brunetti und Venedig geschrieben – ist sie jetzt Italienerin? Wenn nicht, was ist sie dann?

          Wo sind Sie eigentlich im Augenblick zu Hause?

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das weiß ich nicht mehr. Ich bin zehn Tage im Monat in Venedig. Und ziemlich oft in Graubünden. Ich wohne dort in einem kleinen Dorf, dreihundert Leute, dreihundert Kühe, nichts zu tun – aber die Grenze zu Italien ist sieben Kilometer entfernt, also nah genug, um eine Pizza essen zu gehen. Ich habe immer so viel zu tun, dass ich mir die Frage nicht mehr stelle, wo ich gerade bin.

          Sie sind Ihr ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen, oder?

          Erst in den letzten zehn Jahren. Weil „Il Pomo d’Oro“ so viel Arbeit macht, das junge Barockorchester, für das ich mich engagiere. Aber mir macht Reisen nichts aus, es ist ideal zum Lesen. Zu Hause – wo immer das ist – bleibt mir nicht viel Zeit dazu. Es sei denn, ich sitze an irgendwas. Ich habe gestern den Brunetti für das nächste Jahr abgeschickt. Jetzt habe ich frei. Einen ganzen Monat lang lesen – ohne schlechtes Gewissen!

          Sie leben schon seit den sechziger Jahren nicht mehr in den Vereinigten Staaten. Das hat Tradition unter Amerikanern. Henry James, Hemingway: Diesen Drang, jemand anderes werden zu wollen, kennen Sie den auch?

          Nein! Nein.

          Aber Venezianerin sind Sie trotzdem irgendwann geworden.

          Nein! Nein, nein, nein, nein, nein. I am as American as apple pie. Aber ich bin in den fünfziger und sechziger Jahren groß geworden, als Amerika ein guter Ort war, politisch, moralisch und kulturell. Historisch war es das nie, aber wenn man das mal beiseitelässt, fühlte es sich damals gut an, dort zu leben, dort herzukommen. Ich habe mich nie danach gesehnt, nicht Amerikanerin zu sein. Man kann das ja auch gar nicht ändern.

          Als Sie Amerika damals verlassen haben – sind Sie da trotzdem vor etwas geflohen, oder war das ein Aufbruch?

          Weder noch. Meine Eltern waren wunderbar – aber Ehrgeiz ging ihnen völlig ab. Und das war ein großer Segen für mich. Mein Bruder und ich wurden nicht in dem Geist erzogen, unbedingt beruflichen, sozialen oder finanziellen Erfolg anzustreben. Unsere Eltern haben immer nur gesagt: Kümmert euch um eure Ausbildung, macht euch ein gutes Leben und tut, was euch Spaß macht. Ich habe in meinem ganzen Leben nie einen richtigen Beruf gehabt. Auch die Bücher sind mir nur passiert. Ich habe außerordentliches Glück gehabt. Ich bringe ein Buch pro Jahr heraus – und mich damit nicht um. Wenn ich in einer Bleistiftfabrik arbeiten müsste, wäre das, was ich jetzt tue, genau das, was ich lieber täte. Aber danach geeifert habe ich nie.

          Sie haben so viele Krimis über Venedig geschrieben, Sie identifizieren sich aber doch schon mit der Stadt.

          Tue ich auch. Ich liebe Venedig. Ich kenne es sehr gut, ich verstehe den Dialekt, auch wenn ich ihn nicht spreche, weil das prätentiös wäre. Aber ich bin keine Venezianerin. Ich sehe, wie die Stadt nach und nach zerstört wird. Aber ich bleibe auf Abstand. Um es wie die Italiener zu sagen: Es wird die Gräber meiner Vorfahren nicht zerstören. Für meine Freunde dagegen ist es tragisch, weil sie bis ins Mark Venezianer sind. Für mich ist es dumm, armselig, unnötig, unvermeidlich. Und eine Tragödie bleibt es natürlich trotzdem, weil es hier um die Gier des Menschen geht, die eines der letzten komplett schönen Dinge auf der Erde zerstört.

          Im neuen Fall läuft Brunetti einmal durch die Stadt und erkennt plötzlich, „dass zwar nichts davon ihm gehörte, er aber Teil dieses Ganzen war“. Geht es Ihnen darum – Venedig gehört nicht euch, aber ihr seid trotzdem dafür verantwortlich, also macht es nicht kaputt?

          Ich habe Freunde, die unermüdlich ihre Stadt verteidigen. Einer von ihnen hat gerade begonnen, die Königlichen Gärten bei San Marco zu restaurieren. Sie machen einfach weiter. Es gibt ja jetzt den Plan, einen neuen Kanal zu graben, um die Kreuzfahrtschiffe fernzuhalten – aber eigentlich geht es darum, Geld zu verdienen. Das sagt nur keiner. Wenn keine Kreuzfahrtschiffe mehr kämen, heißt es immer, würde es zwar die Stadt retten, aber es ginge viel Geld verloren. Täte es nur gar nicht, weil die Touristen an Land kein Geld ausgeben, weil sie ja auf ihren Schiffen essen und übernachten. Aber wenn die Regierung jetzt den Kanal genehmigen würde – (flüstert) stellen Sie sich mal vor, wie viel Geld die Stadt dafür bekäme! Nicht nur, um den Kanal zu graben, sondern auch, um ihn instand zu halten! Und im Übrigen: Was Venedig passiert, wenn die Meeresspiegel weiter steigen, passiert auch im Rest der Welt, passiert in Bangladesch, wo hundertsechzig Millionen Menschen untergehen – und die Frage ist ja nicht, ob das passiert, sondern wann.

          Im neuen Krimi von Donna Leon läuft Brunetti durch Venedig und erkennt plötzlich, „dass zwar nichts davon ihm gehörte, er aber Teil dieses Ganzen war“. Bilderstrecke

          Was uns zu Trump bringt, über den Sie aber nicht mehr reden wollen.

          Es geht nicht darum, dass ich nicht mehr über ihn reden will – es gibt einfach nichts mehr zu sagen über ihn! Die Emissionen in den Vereinigten Staaten nehmen ab, die Investitionen in alternative Energien steigen. Raus aus Paris oder nicht – das wird der Markt entscheiden. Sobald der verstanden hat, dass man an der Grünen Revolution Geld verdienen kann, werden wir sie auch erleben. Aber bis dahin ...

          ... bleiben Sie cool, was Trump angeht.

          Ich bleibe bei allem cool, weil ich der finsterste Pessimist bin, den Sie sich vorstellen können. Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich glaube, wir haben es zu weit getrieben. Das war’s. Wir haben das Beste noch mitgenommen (lacht).

          Und ich bin noch nicht einmal in Venedig gewesen.

          Oh, Sie Glücklicher!

          Aber ich habe trotzdem das Gefühl, es zu kennen, weil es so viele Bücher und Filme darüber gibt. Es kommt mir fast so vor, als wäre Venedig etwas, das nur als Kunst existiert.

          Irgendwie ist das auch so. Aber man stumpft irgendwann ab. Und fragt sich nur noch, wie man am schnellsten von hier nach dort kommt und dabei den Menschenmassen entgeht. Ein Spaziergang ist ein unangenehmes Erlebnis, so verwöhnt das auch klingt. Man ist umgeben von so viel Schönheit und Pracht, aber trotzdem.

          Wenn Sie also keine Venezianerin geworden sind, gab es aber doch schon einen Moment, als Sie gemerkt haben, dass Sie dort zu Hause sind.

          Als ich in Saudi-Arabien war. Ich habe dort neun Monate lang unterrichtet. Es ist der schlimmste Ort der Welt. Ich hatte damals schon sehr gute Freunde in Venedig und war in den zehn Jahren davor immer wieder dort gewesen. Also habe ich sie angerufen: So, Schluss jetzt, ich arbeite nicht mehr in irgendwelchen seltsamen Ländern, nur um Geld zu verdienen, ich will nach Venedig ziehen – kann ich bei euch wohnen, bis ich was gefunden habe? Das war um 1980. Ich habe eine Wohnung gefunden und eine Stelle an einer amerikanischen Universität, ich konnte also auf Englisch arbeiten und auf Italienisch leben. Venedig war der erste Ort auf der Welt, wo ich leben wollte. Ich hatte den bis dahin nicht gefunden, auch wenn ich an ziemlich vielen Orten gewesen war, in China, in Iran, in Saudi-Arabien.

          Es ist ungewöhnlich für Amerikaner, so viel herumgekommen zu sein, viele haben nicht mal einen Reisepass.

          Normalerweise ziehen die Leute aus Armut hinaus in die Welt. Amerikaner mussten das bislang noch nicht. Von den letzten dreißig Jahren bin ich insgesamt vielleicht eines in Amerika gewesen, in den letzten sieben Jahren ein einziges Mal. Ich bleibe auch immer nur sechs, sieben Tage. Und wenn ich es nicht beruflich tun müsste, würde ich überhaupt nicht hinfliegen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Sie denken nicht daran, eines Tages zurückzukehren?

          Niemals. Ich könnte da nicht leben.

          Warum nicht?

          Weil ich mich nur noch streiten würde. Ich war einmal auf einem Abendessen in New York eingeladen, wo es darum ging, dass so viele Einwanderer nach Amerika kommen und die Arbeitsplätze wegnehmen. Ich habe gesagt: Bei allem Respekt, ich lebe seit vierzig Jahren nicht mehr in Amerika, aber ich habe in der ganzen Zeit nicht einen einzigen Menschen getroffen, der in Amerika leben wollte – die Leute kommen wegen der Arbeit, macht euch das bitte klar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein gut ausgebildeter Europäer aus einem anderen Grund nach Amerika ziehen würde. Ist ja auch legitim.

          Vielen Dank für das Gespräch, wir wollen nicht länger Ihre Zeit stehlen.

          Oh nein, nein, nein, ich habe das neue Buch seit gestern fertig und fühle mich wie ein entlaufener Hund, bitte beschäftigen Sie mich!

          Wenn das so ist, könnten wir noch kurz über Elena Ferrante reden – amerikanische Leser sind ja verrückt nach ihren Neapel-Romanen. Gibt es das also bei Ihnen auch, Italiensehnsucht?

          Nein, glaube ich nicht.

          Die Deutschen leiden sehr daran.

          Ja, die Deutschen zieht es nach Süden. Aber Amerikaner wollen in Amerika sein. Sie wollen vielleicht nach Disneyland oder in die Nationalparks. Aber sie sind nicht besonders neugierig auf den Rest der Welt. Sie leben ja schon im Paradies, oder? Es ist die beste aller Welten. Make America Great Again!

          Mir fallen schon ein paar Paradiese in Amerika ein.

          Klar. Vermont. Maine. Große Teile von New England. Die Menschen vergessen aber immer, wie provinziell und abgrundtief dumm Amerikaner sind. Wenn ich in Berlin bin, höre ich morgens den Berliner Ableger von NPR, dem National Public Radio. Die Moderatoren sagen ständig „like“: „And he was like tall. And I was like wow!“ Und sie machen zwar ein Programm für Hörer in Berlin, in Deutschland, in Europa, aber berichten über Kartoffelpflanzer auf den Hochebenen von Colorado. Als würde Europa gar nicht existieren! Die könnten auch vom Mond senden. Und das ist das Problem Amerikas. Sie erkennen es aber einfach nicht. Weil sie nicht mit Abstand auf ihr Land gucken können. Das gilt für die meisten Länder. Aber Amerikaner sind wirklich besonders kurzsichtig. Und dann fragen sie ja ständig: Warum liebt uns keiner? Als gäbe es eine Verpflichtung, das zu tun.

          Berlin verwandelt sich langsam in eine englischsprechende Stadt, fällt Ihnen das auf? Man hört hier auch ständig „like“ auf der Straße.

          Echt faszinierend, die Leute wollen wie Idioten klingen. Als würde man sich nicht nach oben, sondern nach unten orientieren. Ich kapiere es einfach nicht.

          Aber wenn hier alle „like“ sagen, beweist es doch, dass es Menschen gibt, die gern Amerikaner werden würden.

          Dann sollen die sich eine Waffe kaufen!

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