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Verschollener Schiller-Brief : Ermahnungen an den liebsten Freund

  • -Aktualisiert am

Unter Freunden: Friedrich Schiller an Wilhelm von Wolzogen Bild: Deutsche Literaturarchiv in Marbach

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat einen Brief von Friedrich Schiller aus dem Jahr 1790 erworben. In ihm hält der Dichter seinem Freund Wilhelm von Wolzogen eine neostoische Standpauke. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          In Archiven landet, was dem Alltagsgebrauch entzogen ist – wenn es denn des Aufhebens wert erscheint. Aber jeder Archivar weiß auch um die Zufälligkeiten der Überlieferung, ihre Fatalitäten und ihre Glücksmomente. Auf dem Tisch liegt ein abgegriffener Umschlag mit der lapidaren Aufschrift „Schiller 1759.1805.“, darin befindet sich ein mehrfach gefalteter Bogen dünnen vergilbten Papiers. Das Doppelblatt ist bis an den Rand beschrieben, die Schriftzüge schlagen auf der Rückseite durch, die einzelnen Seiten sind an den Rändern abgestoßen und in den Knickfalten leicht eingerissen. Ein unscheinbares, fast schäbiges Stück Papier, allenfalls durch das zu vermutende Alter davor geschützt, schlichtweg weggeworfen oder einer unwürdigen Verwendung zugeführt zu werden. Stellt man noch in Rechnung, dass das Blatt im Ausland aufgetaucht ist, wo der Name Schiller nicht so kanonisiert ist wie hierzulande, grenzt es beinahe schon an ein Wunder, dass es über die Jahrhunderte hinweg allen Fährlichkeiten entgangen und sich einigermaßen wohlbehalten bis in unsere Tage herübergerettet hat.

          Denn alt ist es, „8. März 90“ heißt es bei der Datumsangabe, und das ist 231 Jahre her, die Anrede aber lautet „Liebster Freund“. Beinahe fühlt man sich angesprochen wie bei einer gelegentlich aufgefundenen Flaschenpost, aber es ist doch eher zielloses Treibgut aus dem Meer der Zeiten, mehr oder weniger zufällig an seiner jetzigen Adresse gelandet, die einen Bestimmungsort zu nennen geschichtsphilosophisches Grundvertrauen voraussetzt. Jedenfalls ist der Brief jetzt angekommen, auf kuriosem Weg ins Deutsche Literaturarchiv gelangt, durch Vermittlung einer Dame aus Marbach, die den Vorbesitzer im Kindesalter als Au-pair-Mädchen betreut hat und nun seine Ansprechpartnerin war, als der deutsche Brief sich unvermutet unter lauter französischen Papieren fand.

          Identifiziert war er schnell, denn man kennt seinen Inhalt, seit er im Jahr 1848 publiziert wurde, im literarischen Nachlass der Frau Caroline von Wolzogen, der im Jahr zuvor verstorbenen Schwägerin Schillers und Gattin des Briefempfängers Wilhelm von Wolzogen, der wiederum mit Schiller von der Stuttgarter Karlsschule her befreundet war.

          Kleine Abweichungen

          Doch nun kann man bestätigend und mit ehrfürchtiger Entdeckerfreude im Original mitlesen, was in den Schiller-Ausgaben mit dem Hinweis „Handschrift verschollen“ gedruckt steht, kann kleine Abweichungen im Text finden oder auch den Vermerk von fremder Hand am Kopf des Bogens „An Wilh. v. Wolzogen in Paris“ sowie eine weitere Notiz „le 21 Mars“, die vielleicht vom Empfänger stammt und auf Französisch das Eingangsdatum des Briefes bezeichnet; Wilhelm von Wolzogen hielt sich von 1788 bis 1791 und noch einmal 1793 im Auftrag des württembergischen Herzogs Carl Eugen für längere Zeit in der Hauptstadt der Revolution auf.

          Wolzogen berichtete über die dortigen Ereignisse, deren Dramatik er auch in seinem Tagebuch festhielt. Entsetzt schilderte der junge Adlige, wie brutal der französische „Pöbel“ mit seinesgleichen verfuhr. Infolge dieser Nachrichten, die mit der Terreur ihren Gipfel erreichten, distanzierte sich Schiller, obwohl er auf einen Wandel vom Feudalismus zur Republik hoffte, von der Französischen Revolution und ihren Protagonisten. Die revolutionäre Fassung seines Dramas „Die Räuber“, über die sich Wolzogen so sehr empörte, dass er sie als Krieg nicht nur gegen deutsche Armeen, sondern auch gegen die Literatur des Landes beschrieb, verstärkte Schillers Kritik. Als ihm die Nationalversammlung 1792 die französische Staatsbürgerschaft verlieh, legte er das Bürgerdiplom in die Weimarer Bibliothek, damit spätere Generationen seiner Familie sich bei einer etwaigen Umsiedlung ins Nachbarland darauf berufen konnten.

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