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Verschollener Schiller-Brief : Ermahnungen an den liebsten Freund

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Wie aus dem nun wiederaufgefundenen Brief hervorgeht, hatte Wolzogen, offenbar aus politischen und persönlichen Gründen von seinem Pariser Aufenthalt enttäuscht, Anfang 1790 Schiller sein Leid geklagt; er wollte den Dienst quittieren. Schiller aber redet ihm mit seinem Brief so energisch ins Gewissen, dass der Freiheitsdichter und „citoyen“ als erstaunlich treuer Bürger der Herzogtümer des Alten Reichs erscheint. Er, der sich in seinen Dramen auf psychisch instabile Persönlichkeiten kaprizierte, rät dem Freund zu Geradlinigkeit: Seinen „Plan“ soll er nicht aufgeben, vor den „ersten Schwierigkeiten“ nicht zurückschrecken, „Standhaftigkeit und Beharrlichkeit“ walten lassen, denn „sie macht uns zu dem, was aus uns werden kann“.

„Standhaftigkeit und Beharrlichkeit“

Mit dem Schiller der 1794 erschienenen, von Kants Freiheitsgedanken inspirierten „Briefe über ästhetische Erziehung des Menschen“ hat dieser Brieffreund wenig zu tun: Schillers Brief an Wolzogen zeigt, wie sehr die Stoa, die mit der Leitformel von der „Standhaftigkeit und Beharrlichkeit“ aufscheint, sein Denken und Handeln bestimmte. Schiller und Wolzogen hatten diese Lehre auf der Karlsschule kennengelernt – in einer avancierten Variante zwar, aber doch in einer Form, die künftige Staatsdiener anleiten sollte. Jeder Mensch fügt sich danach in eine vom Logos durchwirkte Natur ein, in der er sich mit den Mitteln der Vernunft bewähren muss. Um der eigenen Karriere, des eigenen „Planes“ willen, solle nun Wolzogen dem Herzog von Württemberg nicht übereilt kündigen, notiert Schiller gleich zweimal – jener Schiller, der 1782 als Militärarzt aus den Diensten desselben Herzogs geflohen war. Wolzogen aber möge erst kündigen, wenn sich ein neues Engagement biete. Er folgte Schillers Rat – und hatte Glück: Wenige Jahre später erhielt Wolzogen durch Goethes Fürsprache die Position des Kammerherrn und Kammerrates Herzog Carl Augusts in Weimar und wurde aufgrund seines diplomatischen Geschicks bald Geheimer Rat in der dortigen Obersten Landesbehörde.

Den neostoischen Sinneswandel des im Privaten anscheinend nur bedingt freiheitsliebenden Schiller liest man nun zum ersten Mal in seiner eigenen Handschrift, denn der Verbleib des Briefmanuskripts lag seit dem Druck vor rund 170 Jahren völlig im Dunkeln. Die Schiller-Briefe aus dem Nachlass Caroline von Wolzogens gelangten ins Weimarer Archiv, irgendwann davor muss dieses Schreiben jedoch von dem Konvolut abgesplittert worden sein, ebenso wie die Handschriften vier weiterer Schiller-Briefe an Wolzogen, deren Schicksal gleichfalls unbekannt ist. Im Übrigen sind auch die bereits in Marbach liegenden Stücke dieser Korrespondenz im Autographenhandel erworben worden; zwei weitere haben ihren Weg nach Jena und Zürich gefunden.

Mögen nun die Schicksale des Manuskripts spektakulär gewesen sein oder banal, mag es durch viele verschiedene Hände gegangen sein oder jahrzehntelang unbeachtet in der Anonymität eines Papierstapels zugebracht haben, jetzt ist es in einen sicheren Hafen eingelaufen. Der bislang ungedruckte Nachsatz des Briefs, der den seinerzeitigen Herausgebern vermutlich redundant und überflüssig erschien, wurde nun geradezu zur Aufforderung: „Schreibe ja recht bald und beantworte mir die bewußten Punkte bestimmt.“ Was hiermit geschehen ist.

Sandra Richter ist Direktorin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, Helmuth Mojem leitet dort das Cotta-Archiv.

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