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DJ Stalingrad : Im Rausch der Gefahr

„Wir sind die Listigsten, die Aktivsten, die Unverschämtesten. Wir sind die neuen Barbaren. Die Zukunft Europas”: DJ Stalingrad in Unordnung Bild: privat

Er nennt sich DJ Stalingrad. Seine Texte sind Exzesse der Gewalt. Niemand kennt sein Gesicht und seinen richtigen Namen. Er kommt aus Russland und ist auf der Flucht. Er zieht durch Europa auf der Suche nach der nächsten Revolution.

          Der Chefredakteur der angesehenen Literaturzeitschrift „Snamja“ (Das Banner), Sergej Tschuprinin, warnte seine Leser. Das Prosawerk „Is'chod“ (Exodus) von einem noch jungen Autor mit dem Pseudonym DJ Stalingrad, das er in der letzten Septembernummer publizierte, stamme aus einer Sphäre, die man eigentlich nicht kennen wolle, schrieb Tschuprinin in seinem Vorwort. Doch es sei nötig, sie zu kennen, merkte der ehrwürdige Herr der russischen Literaturszene an, auch wenn weder seine Söhne so seien noch deren Freunde, Klassen- oder Armeedienstkameraden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der trotz einer Problemkindheit ohne Vater akademisch gebildete „DJ“, der bis heute seinen Namen, sein Aussehen und seinen Aufenthaltsort geheim hält, repräsentiert das Milieu radikaler Anarchisten. Im Sommer vergangenen Jahres organisierte er einen „antifaschistischen“ Marsch auf die Stadtverwaltung im moskaunahen Chimki, wo ein Teil des Waldes wegen einer neuen Mautstraße abgeholzt wird. Die zivilen Verteidiger des Waldes um die Wortführerin Jewgenia Tschirikowa werden von den Organen drangsaliert und von Maskierten mit Baseballschlägern überfallen.

          Der Verfasser von „Is'chod“ und seine im Straßenkampf erprobten Gefährten bewarfen das Bürgermeisteramt und Milizautos mit Steinen und Flaschen und konnten danach, zum Erstaunen der Presse, den Ordnungshütern entkommen. Der Autor erklärte damals von einem sicheren Ort aus der Zeitung „Kommersant“, die Machthaber und die Miliz, die sich aufführten wie bewaffnete Banditen, müssten spüren, dass es Leute gebe, die die gleiche Sprache zu sprechen verstehen wie sie.

          Seine Erzählung, die im Internet kursierte und im Verlag „Moskwa“ als Taschenbüchlein herauskam, versetzt mit grellen, comicartigen Gefechtsszenen, die von Reflexionen über die Gemeinheiten des Lebens unterbrochen werden, in eine Welt, wo Straßenschlachten punktuell aufflammen und wieder verlöschen. Betrunkene, Halbwahnsinnige, kostümierte Heilige, Fromme mit Stalinikonen und andere phantastische Figuren sammeln sich an auswechselbaren urbanen Schauplätzen zu Menschenschlangen, die sich kämpfend ineinander verknäulen, wieder auflösen und Verletzte in Blutlachen zurücklassen. Der Erzähler und seine Freunde stehen einander im Gefecht bei, rufen füreinander den Krankenwagen. Er erkennt wie im Traum Gesichter, die er bisher nur in Sozialnetzwerken im Internet sah. Man fühlt sich in die rätselhaften Prügeleien wie beim Popkonzert bei Tscheljabinsk im Ural vorigen Sommer versetzt, wo scheinbar aus dem Nichts gut organisierte Schlägertrupps über das Publikum herfielen und wieder verschwanden.

          Schmerz ist das, wie wir die Welt wahrnehmen

          Der Ich-Held, der diese Szenen filmbildartig aneinanderreiht, ordnet sich in einer räsonierenden Passage der großen Herde der geistig und materiell Minderbemittelten zu, die von der Elite der Klugen und Reichen betrogen, erniedrigt, ausgenutzt werden. Das entspreche der grausamen Normalität der Dinge, stellt er philosophisch fest. Als postsowjetischer Mensch verachtet er aber das westliche Konsumentenglück. Er habe keine Ziele oder Prinzipien, nur die dumpfe Sehnsucht nach Heldentum, bekennt der Erzähler, als wolle er den Organisatoren der Kremlsturmtrupps wie den „Unsrigen“ (Naschi) oder einer härteren Gangart gegenüber Protestbewegungen Argumente liefern. Überhaupt habe die Sowjetmoral Christus abgelehnt, damit der Mensch selbst sich wie Christus aufopfere, auf dem Bau, an der Front, im GULag, meint der Autor, der ein Religionsstudium abgeschlossen hat. Folglich zieht er mit dem Kampfruf für das Gute, „Halleluja“, ins nächste Gefecht und lässt aus der gegnerischen Phalanx jemanden „Sieg Heil“ rufen.

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