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Dirigent Nikolaus Harnoncourt : Wirklich gereizt hat mich das Unmögliche

Seinen anekdotischen Exkurs über Herbert von Karajan als Chefdirigent muss man gelesen haben. Ein Mann erscheint da, der alles, Auftreten, Kleidung, Haartracht, auf seine Außenwirkung hin inszenierte, inklusive seine Patzer als Dirigent, wofür er durch gezielte Blicke dem Publikum die Schuld zu geben verstand. Der Tänzer Harald Kreutzberg soll Karajan Privatstunden gegeben haben, um die Wirksamkeit von Dirigiergesten einzustudieren. Auf Tourneen des Orchesters fuhr Karajan vor dem Bus mit seinem Sportwagen vorweg. „Einer durfte mitfahren, der saß dann abends bleich und grün im Orchester“, schreibt Harnoncourt. Die Musiker lachten, bis Karajan zum lautesten Lacher sagte: „Sie fahren morgen mit mir“. In steten Wechselbädern von Zutraulichkeit und Demütigung hielt Karajan die Musiker in Angst.

Über Schwindler und menschliche Ekel

Auch der Komponist Paul Hindemith, unter dessen Leitung der junge Harnoncourt im „Orfeo“ von Claudio Monteverdi spielte, wird als Ausbund an philologischer Inkompetenz vorgeführt, als Schwindler und menschliches Ekel. Rücksichten nimmt Harnoncourt in diesen Erinnerungen, was für ihren privaten Charakter spricht, kaum. Über eine Begegnung mit der jungen Sängerin Jessye Norman heißt es geradezu boshaft: „das später kapriziöse Riesenschlachtroß war damals ein schlankes, bescheidenes Mädchen, das wunderschön Purcell sang“.

Eine Aufführung von Bachs Matthäuspassion unter der Leitung von Karl Richter, den Harnoncourt hier als denkfaulen Scharlatan zu demaskieren sucht, erinnert ihn an ein Wunschkonzert im Volksempfänger anno 1943: „Sonntagssendung ,Für Front und Heimat‘ des Reichssenders Großdeutschland, Wilhelm Strienz singt ,Glocken der Heimat‘, dazu die Orgel mit einem ,Muttertags-Sound‘“.

Nikolaus Harnoncourt dirigiert bei seinem Abschiedskonzert ’Einmal noch Berlin’ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Werke von Franz Schubert.

Hier wird temperamentvoll zu Vergeltungsschlägen ausgeholt. Harnoncourt behauptete immer, er hätte nie Diplomat werden können, weil man dazu von Berufs wegen lügen müsse. Sein Ingrimm gegen die Musikwissenschaft und die jahrelange Zurücksetzung, die er durch sie erfuhr, entlädt sich in einer Parodie auf einen akademischen Aufsatz „Aus der Vierteljahresschrift der Gesellschaft radikaler Musikwissenschaftler“. Darin zitiert Harnoncourt die Göttinger Dissertation von Heinz-Gutbrand Müller Kleinwanzleben aus dem Jahr 1960: „Bachs Mahlzähne und ihre Abnützung während seiner Köthener Zeit – eine musico-psycho-pathologische Studie über die Zusammenhänge des Kauvorganges mit seelischen Allgemeinzuständen beim Künstler, unter besonderer Berücksichtigung des musikschöpferischen Menschen Mitteldeutschlands im 18. Jh.“.

Heute, da sich die frühere Geringschätzung Harnoncourts auf Seiten der Akademiker in höchste Bewunderung verwandelt hat, liest man eine solche Suada mit ununterdrückbarem Vergnügen. Es tauchen Menschennamen auf in diesem lebensvollen, wissenssatten Buch, die klingen, als hätte Fritz von Herzmanovsky-Orlando sie sich für einen Roman ausgedacht. Aber für alle – mit Ausnahme von Heinz-Gutbrand Müller Kleinwanzleben – gilt wohl, was für die letzte beschriebene Person in diesem Buch, den Bratscher Karl Trötzmüller, gilt: „Diesen liebenswerten Menschen gab es wirklich“. So lautet, als Zeichen eigener Dankbarkeit, der letzte Satz.

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