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Dieter Kühns Dante-Projekt : Die Black Box Hölle

Dieter Kühn: 1935 wurde er in Köln geboren. Bild: Juergen Bauer

Mit Romanen und Hörspielen wurde er bekannt und berühmt. Kurz vor seinem Tod 2015 begann Dieter Kühn noch einen Dante-Roman. Das unveröffentlichte Fragment zeigt ein ungeheures Projekt.

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          Zwei Männer auf dem Weg ins Jenseits: Der eine kennt den Weg bestens, schließlich ist er seit mehr als 1300 Jahren tot und hat vor nunmehr 33 Jahren schon einmal einen Lebenden ins Reich der Schatten begleitet. Der andere kennt diesen Weg nur aus dem Buch, das sein Vater nach einer solchen Reise geschrieben hatte und dem er 1322, ein Jahr nach dem Tod des Vaters, einen Kommentar gewidmet hatte: der „Göttlichen Komödie“. Jetzt also tritt Jacopo Alighieri in die Fußstapfen des großen Dante Alighieri. An seiner Seite, ein weiteres Mal, der Dichter Vergil.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber da ist noch ein Dritter. Er bleibt im Hintergrund, so dass man ihn über den Gesprächen und Begegnungen der beiden anderen im Totenreich fast vergessen könnte – eigentlich, so sagt dieser Dritte selbst, „dürfte man meine Schritte dabei gar nicht hören“. Trotzdem ist er es, der unsichtbare Fäden zieht und zu Beginn die Regeln der neuen Reise in die Welt der „Göttlichen Komödie“ ausspricht: „Wir sind hier in eigenem Namen, wenn auch Dante verpflichtet, Wort für Wort. Aber zwischendurch: Wir sprechen, damit wir uns sehen. Und im Blick behalten. Und nicht aus dem Blick verlieren.“ Es ist der Autor selbst.

          Zweimal hat der Schriftsteller Dieter Kühn (1935 bis 2015) in den letzten Jahren seines Lebens Texte publiziert, die von seiner lang anhaltenden Beschäftigung mit Dante erzählen und von Plänen, sich literarisch mit dem italienischen Dichter auseinanderzusetzen. Der eine davon findet sich in „Die siebte Woge“, einem fünfhundert Seiten starken Band, der, erschienen in Kühns Todesjahr, Projekte ausführlich beschreibt, die er als Autor begonnen, aber bis dahin nicht beendet hatte und auch nicht mehr beenden sollte. Kühn, der mit seinem „Mittelalter-Quartett“, den so frischen wie philologisch präzisen und durchdachten Übersetzungen unter anderem des „Parzival“ und des „Tristan“ in den achtziger Jahren berühmt geworden ist, schreibt in „Die siebte Woge“, er habe, trotz gelegentlicher Revisionen dieser Texte, nicht vor, das Quartett seiner Übersetzungen noch zu erweitern. „Doch es stellte sich“, schreibt Kühn, „eine andere Herausforderung ein: Dante, Commedia. Ein Schreibprojekt besonderer Art“, das noch warten müsse, „jedenfalls keine Gesamtübertragung – davor bewahre mich vor allem das Paradiso!“

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          Es folgen Maximen für eine Dante-Übersetzung, die an diejenigen erinnern, die Kühn bereits seinen Übersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen an die Seite gestellt hatte. Er spricht sich darin für die Beibehaltung der Versform und für die Aufgabe des Reimschemas in der Übersetzung aus, drittens aber möge man doch bitte die jeweiligen Tonlagen des Originals nicht nivellieren: Wenn Wolfram im „Parzival“ fremdsprachliche Wendungen ins Mittelhochdeutsche mische, müsse das auch in der neuhochdeutschen Fassung sichtbar werden. Gleiches gelte für Dante, für seine „jähen Tonwechsel“, „ironischen Äußerungen“ und „komischen Interludien“. Es folgen kurze Übersetzungsproben aus den drei Teilen der „Göttlichen Komödie“.

          Auf dieser Grundlage erschien ebenfalls 2015 in der „Neuen Rundschau“ eine erweiterte Fassung unter dem Titel „Dante übertragen“, nun aber mit längeren Ausführungen zu den Anforderungen einer Übersetzung der „Göttlichen Komödie“ und mit drei vollständig übersetzten Cantos: dem dritten Gesang des „Inferno“, dem zweiten des „Purgatorio“ und dem ersten des „Paradiso“.

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