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Dieter Henrichs Autobiographie : Das Ich, das viel besagt

Dieter Henrich in seinem Arbeitszimmer in München. Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Denken lehren, ohne eine eigene Lehre zu haben: Dieter Henrich hat seine philosophische Autobiographie im Dialog entwickelt.

          5 Min.

          Der Titel des Buches könnte täuschen. Die autobiographischen Erinnerungen des Philosophen Dieter Henrich verantwortet er nur zur Hälfte. Vor uns liegt die Dokumentation eines sehr langen Gesprächs, das Henrichs Kollegen – er nennt sie „Mitautoren“ – Matthias Bormuth und Ulrich von Bülow mit ihm über seinen Werdegang geführt haben.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Der inzwischen 94-jährige Henrich hat sich wiederholt auf diese Gattung des gesprächsweisen Erinnerns eingelassen. Es gibt ein Hörbuch mit solchen Gesprächen und eine ganze Reihe von Interviews.

          Henrichs Rückblicke verdienen ein mehrfaches Interesse. Eines ist das zeitgeschichtliche. Der Philosoph gehört einer Generation an, die Kindheit und frühe Jugend am Ende der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus verbrachte. Als einziger die Kindheit überlebender Nachkomme eines religiösen und bedrückten Elternhauses hat er sehr früh Krankheit und Tod vor Augen – und dass ein lieber Gott weder ihm noch den Eltern half.

          Schulzeit im Nationalsozialismus

          Den Vater verliert er mit elf Jahren. Die Segnung des Sohnes am Sterbebett verlässt ihn, der sich keiner Konfession zuordnen wird, ein Leben lang nicht. In seiner Heimatstadt Marburg erlebt er den Nationalsozialismus, der die Jahre fast seiner gesamten Schulzeit bestimmt.

          Er kommt ihm als Kult vor, der jungen Menschen wie ihm Gefühle der Erregung und einen „hochfliegenden Gestus“ ermöglichte, ohne dass sie dazu viel hätten tun müssen. Es wird viel gesungen und Soldat gespielt. „Es war“ beim nationalsozialistischen Jungvolk außerdem „eine Welt ohne Erwachsene“.

          Was die Schule kaum bot, fand dort statt: die Möglichkeit zu eigener Aktivität. Der durch seine Krankheiten zuvor isolierte Henrich genießt sie, nicht ohne die Beunruhigung über das, was der Elfjährige auch erlebt: Antisemitismus, Kriegsbegeisterung, „Ich habe die Vorstellung gehabt, dass es zum Jungvolk nicht essentiell gehöre, antisemitisch zu sein. Das war natürlich ein beschönigender Irrtum“, so Henrich.

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          Eindrucksvoll ist die Erinnerung an einen zwanzigjährigen „Bannführer“, der Henrichs Protest, Deutschland dürfe den Krieg aus moralischen Gründen gar nicht gewinnen, nicht mit einer Bestrafung, sondern mit der Aufforderung beantwortet, er solle das einmal unabhängig von Stimmen seiner Umgebung selbst durchdenken. Nicht, dass der nationalsozialistisch Überzeugte recht gehabt hätte, aber der Appell zum Selbstdenken blieb hängen.

          Der Appell zum Selbstdenken

          Als der Krieg zu Ende ging, war Henrich achtzehn Jahre alt. Ohne zum Kriegsdienst eingezogen worden zu sein, verbindet er mit den letzten Jahren des Krieges eine besondere wache Grundspannung seiner Generation.

          Das unwahrscheinliche Überleben motivierte den Lernwillen danach. Sein Studium führt Henrich von der Urgeschichte recht bald zur Philosophie. Hier findet er die Möglichkeit, Lebensprobleme in Bezug auf anspruchsvolle Texte zu klären, die sie behandeln.

          Fast möchte man sagen, in Paris wäre Henrich damals Existentialist geworden, in Marburg wurde er Kantianer. Er lernt Hans Georg Gadamer kennen und wird dadurch auf einen Weg maßvoller Haltungen gelenkt, der ihn bis heute bestimmt und von philosophischen Generationsgenossen wie Hans Blumenberg, Robert Spaemann, Michael Theunissen und Niklas Luhmann unterscheidet.

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