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Dieter Henrichs Autobiographie : Das Ich, das viel besagt

Aus dem Gesprächsband erfahren wir an dieser Stelle viel über die universitäre Lage der Zeit um 1970. Beispielsweise über den Begriff „Theorie“, der in dieser Zeit in aller Munde war, ohne dass die meisten eine hatten.

Oder darüber, welche Verwüstungen die angeblich emanzipatorischen Absichten der Studentenbewegung an den Universitäten anrichteten, die längst nicht mehr in der Hand alter Talarträger waren, aber so bekämpft wurden.

Oder über die amerikanische Diskussionsart, die sich von der verbiesterten deutschen stark unterschied, ohne daraus aber Folgerungen zu ziehen. Wenn man an einer Stelle Gedanken Spinozas berührte, sagt Henrich, baten die Amerikaner darum, es möge nicht weitererzählt werden. Er zitiert einen Satz des Philosophen Stanley Cavell, in Harvard werde „Exzellenz um den Preis von Engstirnigkeit“ gesucht.

Das Denken und die Lebensprobleme

Diese Frage, wie wissenschaftliche Spezialisierung in der Philosophie mit dem Durchhalten ihres Anspruchs auf allgemeine Erkenntnis verbunden werden kann, bleibt lebendig. Henrich hat sie durch die Aufteilung seiner Forschungen beantwortet.

Es gibt die Studien zur Herkunft idealistischer Argumente, und es gibt die Aufsätze über Lebensprobleme der modernen Existenz, über Selbsterhaltung, Glück und Not, Dankbarkeit als Quelle von Religion oder die Gründe dafür, nicht zu verzweifeln.

Henrich teilt an verschiedenen Stellen des langen Gesprächs mit, er habe keine Lehre anbieten können. Soll heißen: Den Titeln seiner intellektuellen Klassenkameraden wie Habermas, Luhmann und Blumenberg vermochte er kein Hauptwerk entgegenzusetzen.

Das Buch über „Kunst und Leben“ von 2001, da war er vierundsiebzig, sei seine erste systematische Publikation in Buchform. Bis dahin habe er Denken gelehrt, aber keine eigenen Positionen.

Mit anderen Worten: Er war zeit seines langen Lebens an die Deutung der Texte anderer Autoren gebunden. Das ist nicht zuletzt der Ausdruck einer historischen Situation, in der die überlieferten Gedanken einem Autor zu schwerwiegend erscheinen, als dass er sich von ihnen lösen könnte. Warum aber originell um den Preis des Daherredens erscheinen, wenn man es gar nicht ist?

Der Gesprächsband mit Dieter Henrich wirft viele solcher Fragen auf. Er weist Wege in seine Schriften. Er ist trotzdem nicht frei von den kuriosen Formulierungen, die autobiographische Fragen hervortreiben.

Dass Platon „der Größte“ ist – gibt es denn eine Ranglisten des Denkens? -, gehört ebenso dazu wie der erste Satz des Buches, „Früh hatte ich beschlossen, niemals eine Autobiographie zu schreiben“.

Doch es hat ihn dazu gedrängt, sich eine solche Rückerinnerung abverlangen zu lassen. Über die Geschichte seiner Zeit, über die Universität und über die Motive eines Denkers, der um die Vereinbarkeit von philosophischer Argumentation und Lebensnähe bemüht war, erfahren die Leser hier sehr viel. Es ist ein Buch zum Weiterfragen und Weiterlesen, und zwar auf jeder seiner Seiten.

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