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Asli Erdogan im Interview : Frauen halfen mir zu überleben

Wovor hatten Sie Angst?

Ich hatte furchtbare Angst, niemals wieder frei zu kommen.

Sie hatten keine Ahnung, wie lange Sie im Gefängnis bleiben müssen?

Wenn ich von Anfang an gewusst hätte, dass es viereinhalb Monate sein werden, wäre es leichter gewesen. Aber ich wusste nicht, ob ich drei Monate bleiben muss oder zwanzig Jahre und ob ich das Gefängnis überhaupt lebend verlassen werde. Das war das Schrecklichste an dem Ganzen. Das Gefängnis ist ein großes Trauma. Man kann die Auswirkung nicht in Tagen messen. Dort zu sein, festgehalten zu werden ist eine Wende. Man kommt nicht darüber hinweg.

Die Zeit verliert ihre Dimension?

Man ist außerhalb des Lebens und außerhalb der Zeit. Man möchte weg, darf aber nicht. Man ist weder tot noch lebendig. Man kann nicht einmal sterben, da sie das nicht zulassen.

Sie haben darüber nachgedacht, zu sterben?

Ja, sehr oft. Ich sagte den Frauen, dass ich über Selbstmord nachdenke. Sie sagten: Asli, so etwas darfst du niemals denken. Ich entgegnete, dass ich philosophisch gesehen aber das Recht hätte, mich umzubringen. Drei Tage vor meiner Freilassung entschuldigte ich mich dafür. Ich sagte: „Ich habe gesehen, wie viel Mühe ihr euch gebt, eine einzige Pflanze groß werden zu lassen. Und ich war so verwöhnt, darüber zu sprechen, mich umbringen zu wollen. Ich lernte von euch, was Leben bedeutet.“ Das war ein sehr wichtiger Moment für uns alle.

Die Regierung möchte eine der wichtigsten türkischen Schriftstellerinnen des Landes zerbrechen, und kurdische Frauen retten sie.

Ja, es war die PKK-Abteilung, die die türkische Schriftstellerin ins Leben zurückholte. Das ist sehr ironisch. Was ist die Türkei doch für ein seltsames Land.

Hatten Sie Zeit, sich von den Frauen zu verabschieden?

Nach der Verhandlung im Gericht blieben nur wenige Minuten. Die Wärter waren die ganze Zeit über bei mir. Ich musste Papiere unterschreiben, meine Sachen zusammensuchen. Die Frauen bildeten einen Kreis um mich, und ich umarmte jede von ihnen. Ich weinte die ganze Zeit. Und dann trillerten die Frauen ganz laut und riefen: „Jin, jiyan, azadi!“ Das ist Kurdisch und bedeutet: Leben, Frau, Freiheit! Ich winkte noch einmal, und schon schloss sich das Gefängnistor hinter mir. Und dann: Regen, Nacht, Journalisten, Fernsehkameras. Es ist seltsam.

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