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Asli Erdogan im Interview : Frauen halfen mir zu überleben

Drei der sechs Berater sind älter als siebzig. Eine ist Schriftstellerin, die andere Verlegerin, eine Linguistin. Also bitte, das ist doch kafkaesk! Festgenommen zu werden ist ja noch okay, mittlerweile werden in der Türkei ja dauernd Journalisten verhaftet. Aber mich nach Artikel 302 anzuklagen ist skandalös.

Jeder, der Ihre Romane kennt, weiß, dass Sie Gewalt verabscheuen.

Ich habe mich immer geweigert, eine Waffe in die Hand zu nehmen, und es verurteilt, wenn Menschen zu Gewalt gezwungen oder aufgerufen werden. Ich esse nicht einmal getötete Tiere, ich bin Vegetarierin. Und nun soll ich eine Terroristin sein? Es ist lächerlich.

Asli Erdogan mit ihrer Mutter Mine (links) nach der Entlassung aus der Haft.
Asli Erdogan mit ihrer Mutter Mine (links) nach der Entlassung aus der Haft. : Bild: AFP

Haben Sie das Gefängnis überhaupt schon mental verlassen?

Es ist nicht leicht. Das Gefängnis zu verlassen ist schwieriger, als ins Gefängnis zu kommen. Draußen zu sein ist ein Schock, die Welt ist auf einmal zu groß. In der Haft entwickelt man sich zurück, wird wieder zum Kind. Denn man hat weder Rechte noch Verantwortung. Ich habe vergessen, wie man einen Bus nimmt, und konnte mich lange nicht an meine Handynummer erinnern. Einen Anruf zu beantworten fällt mir sehr schwer. In der Haft durften wir alle zwei Wochen ein Telefonat von zehn Minuten tätigen. Wieder fünf Anrufe in einer Stunde zu führen, muss ich erst lernen. Zudem vermisse ich die Frauen aus dem Gefängnis. Einige von ihnen wurden meine Freundinnen. Ich habe ja viereinhalb Monate mit ihnen verbracht.

Sie waren nicht allein in einer Zelle?

Im Frauengefängnis von Bakirköy gibt es drei Abteilungen für politische Gefangene. In jeder sind 23 Frauen untergebracht, mit denen man den ganzen Tag verbringt. Die Frauen haben mir sehr geholfen. Anfangs war ich psychisch und physisch völlig am Ende. Sie brachten mich dazu, mich nicht der Depression hinzugeben, sondern jeden Morgen aufzustehen, Sport zu treiben, ein Leben zu führen. Ich war zerbrochen, sie fügten mich wieder zusammen.

Was für Frauen waren das?

Mit mir in der Abteilung war die 70-jährige Necmiye Alpay, die ebenfalls Beraterin von „Özgür Gündem“ war, außerdem eine arabische Alevitin und eine geflüchtete Syrerin. Necmiye und ich waren die beiden ältesten. Die übrigen Frauen waren alle Kurdinnen, denen man wie mir vorwirft, PKK-Anhängerin zu sein. Etwa die Hälfte dieser Frauen sind tatsächlich Mitglieder der PKK. Meine Abteilung war also die PKK-Abteilung. Man erkennt die PKK-Frauen sofort: Sie sind sehr trainiert; sie stehen anders, sprechen anders. Aber sie bekennen sich auch ganz offen dazu. Einige der Frauen brachten mir etwas Kurdisch bei. Aber auch in der Arrestzelle der Polizeiwache, wo ich mich zunächst wiederfand, waren nur Kurden. Ich war überrascht, dass auch die meisten der Polizisten, mit denen ich zu tun hatte, Kurden waren.

Kurdische Polizisten, die Kurden verhaften? Das ist eher neu für die Türkei.

Ja, ist das nicht traurig? Wohin treibt dieses Land bloß? Die kurdischen Polizisten, mit denen ich sprach, sind eigentlich Lehrer, hatten aber keine Anstellung gefunden. Also akzeptierten sie, vorübergehend als Polizisten zu arbeiten. Nach dem Putschversuch wurden Tausende Polizisten verhaftet, man brauchte schnell neue Rekruten. Auch die Justiz ist voll mit Neulingen, denn 2500 Richter und Staatsanwälte sind ihres Amtes enthoben worden. Die meisten der neuen Richter sind nicht älter als Mitte zwanzig. Es fehlt ihnen an beruflicher Erfahrung und an Persönlichkeit. Sie lassen sich leicht einschüchtern. Deshalb ist es gerade eine sehr gefährliche Zeit, um in der Türkei vor Gericht gestellt zu werden. Das Gleiche gilt für die Polizisten. Es sind junge Kerle ohne Erfahrung. Angesichts der herrschenden Willkür müssen sie selbst jederzeit damit rechnen, festgenommen zu werden. Alles in der Türkei kollabiert.

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