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Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz : Was tun wir alle miteinander uns an?

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Willkommen in meiner Welt: Fritz J. Raddatz in seinem Büro der Tucholsky-Stiftung Bild: Matthias Luedecke

Ein Besuch beim legendären Literaturjournalisten Fritz J. Raddatz. Der Anlass: seine jetzt erscheinenden Tagebücher. Die beschriebene Welt: der Schriftsteller- und Kritiker-Kosmos, die Hölle der Lemuren und einsamen Sucher nach Liebe. Mit Leseprobe.

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          Was ist das für eine Welt? Was ist das für eine Stille hier, in Hamburg-Harvestehude in dieser weißen Straße an der Alster? Mittwochnachmittag, kein Mensch unterwegs. Auf dem Wasser ein Ruderer, der von einem schweigenden Trainer begleitet wird. Überall kühle Pracht und Schweigen. Hier lebt Fritz J. Raddatz, Feuilleton-Legende, 79. Er wohnt in einer Wohnung im Erdgeschoss im einzigen gelben Haus der Straße, ein kleiner parkartiger Garten führt hinunter zur Alster. Die Feiern, die er hier in seiner Wohnung für seine Freunde ausrichtete, sind legendär, Susan Sontag war oft hier, Inge Feltrinelli, James Baldwin und wohl jeder namhafte deutsche Schriftsteller der ersten Nachkriegsgeneration. Den sechzigsten Geburtstag von Günter Grass hat er hier für seinen Freund ausgerichtet, und als eine Absage nach der anderen kam, damals, schrieb er in sein Tagebuch: „Sie können nicht mehr lieben.“

          Heute werden hier keine Feste mehr gefeiert. Zu seinem siebzigsten Geburtstag hat sich Raddatz einen Grabstein gekauft, die Grabstätte auf Sylt hatte er sich vorher schon gesichert. „Zwischen Suhrkamp, Avenarius und Baedeker. Mehr kann man nicht verlangen“, schrieb er in sein Tagebuch. Raddatz liebt die gute Nachbarschaft, Raddatz liebt große Namen, und Raddatz will vorbereitet sein. Spätestens seit seinem fünfzigsten Lebensjahr macht er sich Sorgen, dass er „den richtigen Zeitpunkt“ für seinen Tod verpassen könnte, und auch heute im Gespräch sagt er plötzlich und unvermittelt: „Ich denke, dass ich das selbst in die Hand nehmen werde.“

          Sonderbar. Wie er hier so sitzt in seinem Sessel, leicht gebräunt, weißes Haar, Raddatz-Brille, grauer Anzug, rosa Hemd, himmelblaue Strümpfe, eine Zigarette nach der anderen seinem Schildpattetui entnimmt und raucht und raucht und lacht und erzählt, wirkt er wahnsinnig jung, lebenszugewandt, schnell, stolz und sehr begierig, mindestens dreißig weitere große Raddatz-Jahre zu erleben. Er schenkt schwarzen Tee in dünnwandige Tassen, nimmt für sich Ersatzzuckerpillen aus einem silbernen Döschen, für den Gast gibt es Kandis. Auf dem Tisch hat er Zeitungsausschnitte vorbereitet, Raddatz-Fotos, Notizen mit Dingen, die er gern sagen möchte, die Kopie eines Vortrags, den er mit siebzehn Jahren an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin gegen die sowjetische Kulturpolitik gehalten hat, und Kopien einiger Seiten aus seinem Tagebuch.

          Fritz J. Raddatz Ende der achtziger Jahre

          Verlogenes Lob

          Denn das ist der Anlass unseres Treffens: Fritz J. Raddatz hat seine Tagebücher aus den Jahren 1982-2001 veröffentlicht. Es sind die Jahre, in denen Raddatz, der zuvor als stellvertretender Leiter des Verlages Volk und Welt in der DDR und nach seiner Übersiedlung in die BRD 1958 als Vizechef bei Rowohlt gearbeitet hatte, das Feuilleton der „Zeit“ leitete und zu legendärer Blüte führte, bis er 1985 wegen eines lächerlichen Fehlers seines Amtes enthoben wurde und fortan als Kulturkorrespondent für das Hamburger Blatt arbeitete. Raddatz kannte unglaublich viele Schriftsteller und Intellektuelle seiner Zeit. Er übertreibt vielleicht nur ein bisschen, wenn er jetzt im Gespräch ohne rot zu werden sagt: „Ich kannte ja die gesamte Moderne persönlich.“ Ein guter Teil dieser „gesamten Moderne“ tritt in seinen Tagebüchern auf. Und diese Tagebücher sind eine irrwitzige Reportage aus dem Fegefeuer der Eitelkeiten des kulturellen Lebens jener Jahre, sind der Bericht aus einer Welt der grenzenlosen Ich-Sucht, der verbalen Messerstechereien, des Rufmords, der Lügen und Verachtung. Bevorzugter Ort aller Beteiligten dieses Gesellschaftsromans aus der Welt der Schriftsteller, der Kritiker und Verleger ist: der Hinterhalt. Ihre Waffen: das verlogene Lob (dem Gegner ins Gesicht) und die giftige Häme (sobald der Gegner außer Hörweite ist). Das ist der Treibstoff dieser Welt. Nur so kommt sie voran, denn alle Beteiligten sind auf Zuspruch, Liebe und Bewunderung angewiesen, um weitermachen zu können, und keiner ist in der Lage, jemand anderen zu bewundern als sich selbst. Das ist der höllische Witz dieses neunhundertseitigen Gespensterbuches: wie jeder Einzelne krampfhaft versucht, diesen Herzensmangel zu verbergen, um nicht aus der großen Lobesmaschine zu fallen und ungelobt und einsam vor sich hin zu dämmern.

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