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Schriftstellerin Kate Tempest : Die besten Köpfe ihrer Generation

Dichterin, Dramatikerin, Rapperin: Kate Tempest im Juni 2015 in New York Bild: Picture-Alliance

Kann es wirklich sein, dass ein Roman, der den Niedergang Londons beschreibt, zugleich zart, liebevoll und brutal ist? Über Kate Tempest, eine Schriftstellerin, die fast alles kann.

          6 Min.

          Man muss sich einfach nur diese Gesichter ansehen: Oben auf der Bühne des Glastonbury-Festivals steht mit blonden Locken, die ihr weit über die Schultern fallen, Kate Tempest in abgeschnittenen Jeans, schwarzem kurzärmligem Hemd, mit extra vielen Bändchen ums rechte Handgelenk. Eine knappe Stunde ist sie auf dieser Bühne schon hin- und hergerannt, gleich ist ihre Show zu Ende, die vier Musiker hinter ihr, die ihrem Rap-Gesang die nervöse dunkle Grundlage geben, haben aufgehört zu spielen. Und sie hebt noch einmal an, ruft, wie sehr sie sich geehrt fühlt, genau hier spielen zu dürfen, „for the wonderful people of fucking Glastonbury“, dankt den Leuten vor und hinter sich und rezitiert dann in die flirrende Festivalhitze hinein: „When time pulls lives apart / Hold your own. / When everything is fluid and when nothing can be known with any certainty / Hold your own. / Hold it till you feel it there / As dark and dense and wet as earth / As vast and bright and sweet as air.“

          Julia Encke
          (jia), Feuilleton

          Die Kamera, die den Auftritt festhält, folgt ihr. Erst nach einer Weile zoomt das Objektiv das Publikum heran. Wo eben noch Hände in den Himmel zeigten und Körper sich zum Rhythmus bewegten, stehen jetzt alle still da, in den Gesichtern eine Konzentration und ein Ernst, wie sie einem auf solchen Sommerfestivals eigentlich nie begegnen. Zwei Mädchen starren mit bewegungslosen Gesichtern andächtig in Richtung Bühne, eine Frau mittleren Alters vergisst, ihren Kaugummi weiterzukauen, eine andere hält die Hände vor ihren Mund, der Hawaii-Hemd-Typ daneben scheint, gemessen an der Anzahl der Falten, die mit einem Mal auf seiner Stirn zu sehen sind, nicht genau einordnen zu können, was hier gerade passiert. Dann werden die Synthesizer noch mal hochgefahren. Riesenapplaus.

          Sie kann viele Dinge sehr gut

          Ein Jahr ist dieser Auftritt in Glastonbury jetzt her, den man sich auf Youtube ansehen kann. Kate Tempest, eigentlich Kate Esther Calvert, das Mädchen aus Brockley im Südosten Londons, aufgewachsen als fünftes Kind einer Mittelschichtsfamilie, ohne Schulabschluss, aber mit einer unbändigen Leidenschaft für Gedichte, war da 28 Jahre alt und als Rapperin schon ziemlich bekannt. Aber eben nicht nur. Sie hatte ihr erstes Hiphop-Soloalbum veröffentlicht, „Everybody Down“. Sie hatte ein Theaterstück geschrieben, „Wasted“. Sie war als Lyrikerin für ihren Gedichtband „Brand New Ancients“ mit dem bedeutenden Ted Hughes Award ausgezeichnet worden. Kate Tempest kann viele verschiedene Dinge. Sie kann viele verschiedene Dinge sogar sehr gut. Rap und Lyrik, Konzert und Spoken-Word-Performance. Und so verwandelte sie auch Glastonbury am Ende in eine große Literaturshow.

          Jetzt wird sie, die unter den jungen britischen Schriftstellerinnen im Moment sicher zu den aufregendsten gehört, ins Deutsche übersetzt: Ihr in England und Amerika gefeierter „Hold Your Own“- Gedichtband wird Mitte Juni in einer zweisprachigen Ausgabe in der Edition Suhrkamp erscheinen. Der Verlag hat sich dabei für den englischen Titel entschieden. „Behaupte Dich“ wäre eigentlich auch ganz schön gewesen. In der nächsten Woche kommt im Rowohlt-Verlag aber erst mal Kate Tempests erster Roman heraus, mit dem schönen Titel „Worauf du dich verlassen kannst“. Für alle, die ihre Liedtexte kennen, wird es vertrautes Terrain sein: Die Figuren, die in den Liedern auftauchen, sind im Roman die Protagonisten. Was auch immer sie tut, bleibt Teil eines Tempest-Kosmos. Atemberaubend treibt sie die Ausweitung ihrer Kampfzone voran.

          Unglaubliche Textmengen stürmen in ungeheurer Geschwindigkeit aus ihr heraus: 
Kate Tempest auf der Bühne
          Unglaubliche Textmengen stürmen in ungeheurer Geschwindigkeit aus ihr heraus: Kate Tempest auf der Bühne : Bild: dpa

          „Worauf du dich verlassen kannst“, das muss man vielleicht vorwegsagen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass bei ihr alles gleich klänge, also ein Hiphop-Song wie ein Gedicht wie ein Roman, ist eine Erzählung, bei der, wenn man sie liest, man an Gedichte überhaupt nicht denkt. Man muss das sagen, weil, als die Gedichtbände erschienen, genau das immer betont wurde: dass sie das Versmaß der klassischen Dichtung und die Melodie des Hiphop miteinander verschmelzen lasse. Dass man aus ihren Zeilen gleichermaßen Wu-Tang Clan, James Joyce, Charles Bukowski, William Blake und Shakespeare heraushören könne, wie Michiko Kakutani, die Literaturkritikerin der „New York Times“, über die „Wunderkind-Rapperin“ schrieb.

          Für die Gedichte stimmt das sicher. Viele Bezüge sind sogar ausdrücklich zu erkennen. Der ganze „Hold Your Own“-Band etwa beruht auf dem Teiresias-Mythos, jener Figur aus der griechischen Mythologie, die sich nach Hesiod erst in eine Frau und dann wieder zurück in einen Mann verwandelt. Verwandlungen, überhaupt die Gender-Thematik, durchziehen das ganze Buch.

          „Ich schreibe in jeder freien Minute“

          Im Roman gibt es auch verschiedene Tonfälle, die zusammenkommen, gesprochene Sprache, Reflexionen, literarische Bezüge, der rauhe Sound der Straße und dann wieder, ganz zärtlich, die Beobachtungen aus der Perspektive einer gerade Sich-Verliebenden. Nur drängen sie sich als unterschiedlich nicht auf, geht all das in einer Beiläufigkeit ineinander über, die man schon spektakulär nennen kann, weil der Ton auf diese Weise einfach stimmt. Sie schreibe in jeder freien Minute, auch wenn sie auf Tour sei, hat Kate Tempest in einem Interview gesagt. Und wenn man sie auf der Bühne beobachtet, wie dort diese unglaublichen von ihr komponierten Textmengen aus ihr herausstürmen, kann man sich ungefähr vorstellen, welchem Sprachansturm sie auch innerlich ausgesetzt sein muss.

          „Worauf du dich verlassen kannst“ beginnt mit einer Flucht: „Abhauen“ heißt das erste Kapitel. Pete, seine Schwester Harry, Becky und Leon, alle ungefähr Mitte zwanzig, verlassen London in einem Cortina aus vierter Hand, wollen einfach nur raus aus der Stadt. „Es ist Nacht, und die Stadt bläst sich auf. Der Himmel donnert und ist voll von Wolken, unter denen man sich klein machen möchte.“ Irgendwas ist passiert, etwas, das keine wirklich erfreuliche Angelegenheit sein kann. „Angst verknotet Harry die Schultern, faltet sie auf ihrem Rücken wie Flügel zusammen“. Andererseits liegt ein Koffer voller Geld satt und zufrieden wie ein Baby auf dem Rücksitz. Sie fahren weiter, bis die Straßen endlich breiter werden, die Häuser größer, weniger Imbisse, mehr Pubs. „Die Stadt lockert ihren Griff. Sie fahren auf die Autobahn. Im Radio singt Billy Bragg ,A New England‘“.

          Was die vier gemein haben: Sie sind jung und fühlen sich nicht so. Fühlen sich erschöpft und wissen ziemlich sicher, dass es so, wie es läuft, auf keinen Fall weitergehen darf. Becky, die Tänzerin ist und in ein Ensemble mit einem bekannten Choreographen will, muss sich das Geld dafür mit erotischen Massagen und hinter der Theke eines Cafés verdienen. Und während sie hinter dieser Theke steht, sieht sie sich auch in zwanzig Jahren dort stehen und zwischen Wohnung, Casting Calls und Auditions für Jobs hin und her hetzen, bei denen sie nicht angenommen wird. Sie sieht sich, wie sie ihr Facebookprofil mit immer neuen glücklichen Fotos aktualisiert, wie sie die Diva-Woche bei „The X-Factor“ guckt, Pillen einschmeißt und Freunde umarmt, als wäre alles bestens, alles bestens.

          Es ist erst ein halbes Jahre her, da hat Kate Tempest „Europe is lost“ aufgenommen, ein Stück über die Zumutungen der westlichen Gesellschaft und über jene, die aus ihrer Mitte herausfallen. Es ist ihr Thema, das auch viel mit der Stadt zu tun hat, aus der sie kommt: London, wo das Geld alle von den Plätzen vertreibt, an denen sie sich zu Hause glaubten. London, wo es Clubs gibt, die „Shitstorm“ heißen und - wenn es sich nicht zufällig um einen sehr großen Ausnahmeabend handelt - auch genau das sind: „Alles, von den Drinks an, die serviert werden, bis hin zur Farbe der Toilettenwände, darauf getrimmt, bestimmte Leute fernzuhalten und bestimmte Leute anzulocken. Harry könnte kotzen, wenn sie das sieht. Die Art, wie London sich verändert. Nicht nur auf dieser Seite vom Fluss. Auch unten im Süden. Sie erkennt es kaum noch wieder dieser Tage. Es bricht ihr das Herz.“

          Einfach nur raus aus der Stadt

          „Sigh“ nennt Tempest ein Gedicht aus „Hold Your Own“, Seufzer, eine Variation auf Allen Ginsbergs berühmtes „Howl“: „I saw the best minds of my generation destroyed by / payment plans.“ („Ich sah die besten Köpfe meiner Generation an Ratenzahlungen zugrunde gehen.“) Im Roman geht es um den Versuch der Rückgewinnung von Hoheit, von verlorener oder nie gekannter Souveränität. „Wie wir die Macht übernehmen, ohne dass die Macht uns übernimmt“, steht nicht umsonst auf dem Buch, das Pete liest. Nur gelingt es ihnen nicht. Harry und Leon dealen schon so lange mit Drogen, wie sie denken können, was sie verführbar macht und lebensgefährlich ist. Dass sie, wie der Romananfang verrät, alle zusammen irgendwann rauskommen aus der Stadt, ist erst mal wie eine Rettung. Der erste Schritt für die Möglichkeit von etwas Neuem.

          Das Zauberhafte an Kate Tempest ist, dass sie in dieser eigentlich bedrückenden Erzählung über eine Stadt voller Geld für die einen und fehlender Chancen für die anderen Feuerwerke anzündet und diese in den schönsten Farben leuchten lässt. Meistens sind es Verliebtheitsfeuerwerke: Wenn bei der Party eines Popstars Harry spürt, dass der Blick von Becky auf ihr ruht:

          Sie hebt den Kopf und beobachtet sie aus den Augenwinkeln, und während sie einander mustern, fließt jene sanfte Wärme, die sie zusammengeführt hat, von einer zur anderen. Harry hat das Gefühl, größer geworden zu sein, ihre Ohren jubeln, ihre Augen brennen von der plötzlichen Helligkeit.“ Wie sie flach und schnell atmet, als Becky dann weg ist: „Sie möchte das Ohrläppchen anfassen, das Becky berührt hat, doch es ist nicht mehr da, es ist geschmolzen. Da sind nur noch ihre Ohrringe, zwei kleine Reifen, die im Nichts kreisen.“ Oder wie Becky (sie ist im Roman hin und her gerissen zwischen den Geschwistern Pete und Harry) Pete im Club begegnet, wo es so laut ist, dass sie sich nicht verständigen können, weswegen sie ihre Handys herausholen und, die Köpfe über dem leuchtenden kleinen Bildschirm, sich ihre Namen schreiben.

          Es ist ein Pathos, eine Direktheit, die den Umwegen und der Zurücknahme des Gesagten durch Ironie, wie man eigentlich erwartet, zuwiderläuft. Das ist das Überraschende an der Erzählerin Kate Tempest, dieser vollkommen eigenständige Sound, mit dem sie von Jetzt erzählt, wie es ist, und trotzdem die leidenschaftlichsten Funken daraus schlägt, immerzu stürmisch. Sie hat sich schon einen ziemlich guten Namen gegeben. Denn „Tempest“ heißt „Sturm“.

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