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Schriftstellerin Kate Tempest : Die besten Köpfe ihrer Generation

Es ist erst ein halbes Jahre her, da hat Kate Tempest „Europe is lost“ aufgenommen, ein Stück über die Zumutungen der westlichen Gesellschaft und über jene, die aus ihrer Mitte herausfallen. Es ist ihr Thema, das auch viel mit der Stadt zu tun hat, aus der sie kommt: London, wo das Geld alle von den Plätzen vertreibt, an denen sie sich zu Hause glaubten. London, wo es Clubs gibt, die „Shitstorm“ heißen und - wenn es sich nicht zufällig um einen sehr großen Ausnahmeabend handelt - auch genau das sind: „Alles, von den Drinks an, die serviert werden, bis hin zur Farbe der Toilettenwände, darauf getrimmt, bestimmte Leute fernzuhalten und bestimmte Leute anzulocken. Harry könnte kotzen, wenn sie das sieht. Die Art, wie London sich verändert. Nicht nur auf dieser Seite vom Fluss. Auch unten im Süden. Sie erkennt es kaum noch wieder dieser Tage. Es bricht ihr das Herz.“

Einfach nur raus aus der Stadt

„Sigh“ nennt Tempest ein Gedicht aus „Hold Your Own“, Seufzer, eine Variation auf Allen Ginsbergs berühmtes „Howl“: „I saw the best minds of my generation destroyed by / payment plans.“ („Ich sah die besten Köpfe meiner Generation an Ratenzahlungen zugrunde gehen.“) Im Roman geht es um den Versuch der Rückgewinnung von Hoheit, von verlorener oder nie gekannter Souveränität. „Wie wir die Macht übernehmen, ohne dass die Macht uns übernimmt“, steht nicht umsonst auf dem Buch, das Pete liest. Nur gelingt es ihnen nicht. Harry und Leon dealen schon so lange mit Drogen, wie sie denken können, was sie verführbar macht und lebensgefährlich ist. Dass sie, wie der Romananfang verrät, alle zusammen irgendwann rauskommen aus der Stadt, ist erst mal wie eine Rettung. Der erste Schritt für die Möglichkeit von etwas Neuem.

Das Zauberhafte an Kate Tempest ist, dass sie in dieser eigentlich bedrückenden Erzählung über eine Stadt voller Geld für die einen und fehlender Chancen für die anderen Feuerwerke anzündet und diese in den schönsten Farben leuchten lässt. Meistens sind es Verliebtheitsfeuerwerke: Wenn bei der Party eines Popstars Harry spürt, dass der Blick von Becky auf ihr ruht:

Sie hebt den Kopf und beobachtet sie aus den Augenwinkeln, und während sie einander mustern, fließt jene sanfte Wärme, die sie zusammengeführt hat, von einer zur anderen. Harry hat das Gefühl, größer geworden zu sein, ihre Ohren jubeln, ihre Augen brennen von der plötzlichen Helligkeit.“ Wie sie flach und schnell atmet, als Becky dann weg ist: „Sie möchte das Ohrläppchen anfassen, das Becky berührt hat, doch es ist nicht mehr da, es ist geschmolzen. Da sind nur noch ihre Ohrringe, zwei kleine Reifen, die im Nichts kreisen.“ Oder wie Becky (sie ist im Roman hin und her gerissen zwischen den Geschwistern Pete und Harry) Pete im Club begegnet, wo es so laut ist, dass sie sich nicht verständigen können, weswegen sie ihre Handys herausholen und, die Köpfe über dem leuchtenden kleinen Bildschirm, sich ihre Namen schreiben.

Es ist ein Pathos, eine Direktheit, die den Umwegen und der Zurücknahme des Gesagten durch Ironie, wie man eigentlich erwartet, zuwiderläuft. Das ist das Überraschende an der Erzählerin Kate Tempest, dieser vollkommen eigenständige Sound, mit dem sie von Jetzt erzählt, wie es ist, und trotzdem die leidenschaftlichsten Funken daraus schlägt, immerzu stürmisch. Sie hat sich schon einen ziemlich guten Namen gegeben. Denn „Tempest“ heißt „Sturm“.

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