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Neues Buch von Claudio Magris : Mit Wüterich als Selfie

Bitte recht ernsthaft: Claudio Magris. Bild: Frank Röth

Der italienische Schriftsteller Claudio Magris kann mit den Augen fotografieren. Er fängt scheinbar nebensächliche Begebenheiten ein, in denen tiefe menschliche Wahrheit steckt. Davon zeugen seine „Schnappschüsse“.

          2 Min.

          Dass er mit seinen Augen fotografieren kann und nicht nur das, sondern mit Gedanken, Emotionen und schließlich Worten flüchtige Situationen in ihrer Unwiederbringlichkeit erfassen und als auf Bedeutsames verweisende Nichtigkeiten festzuhalten vermag, beweist der italienische Schriftsteller Claudio Magris hier ein ums andere Mal.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Knapp fünfzig Kürzestgeschichten versammelt sein bei Hanser erschienener Band „Schnappschüsse“ (Istantanee); es sind literarische Miniaturen, an den Moment gebundene Trouvaillen aus den Jahren 1999 bis 2016, jede von ihnen mit exaktem Datum versehen, als wären die Texte so, wie sie hier stehen, dem Notizbuch des Literaten und Literaturwissenschaftlers entrissen.

          Magris beobachtet spielende Kinder am Strand seiner Lebensstadt Triest und das grausame Treiben von Tauben unter einem Denkmal mit Habsburger-Doppeladler; er schließt seine Assoziationsketten an widersinnige Graffiti auf Hauswänden an und sinniert über den politischen, wirtschaftlichen oder universitären Reformwidersinn; belauscht Paare in Zügen und Cafés, kämpft mit Telefonhotlines und erzählt von einer Begegnung wenige Tage vor dem 9. November 1989, als alle felsenfest überzeugt waren: „Die Mauer wird noch Jahre stehen.“ So geht es von Petersburg nach Budapest, Berlin und an andere europäische Orte, weiter nach New York und immer wieder zurück nach Triest.

          Claudio Magris: Schnappschüsse, übersetzt aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend, Hanser Verlag, 20 Euro.

          Mal ist der „Schnappschuss“ eine Metapher dafür, dass jäh etwas Gestalt annimmt und sich selbst erklärt, was sonst im Nebel des Alltäglichen vorbeihuscht: Das verliebte Gefummel eines jugendlichen Pärchens wird, als das Mädchen das Madonnenamulett des Jungen berührt, von einem Atemzug heiligen Erschreckens unterbrochen; eine Autofahrerin im Stau nimmt es auf sich, das erbarmungslos Egoistische auszusprechen, das alle anderen nur denken (zum Glück bloß ein Unfall, und der Verletzte wird bald weggeschafft); ehrfurchtgebietende vermeintliche Konzeptkunst entpuppt sich als Nichtkunst.

          Mal ist „Schnappschuss“ aber auch wörtlich zu nehmen, wie bei der Betrachtung einer historischen Fotografie, die einen taubstummen Inuit zeigt und an den Ort führt, „wo das Herz stillschweigt“. Dann fühlt man sich an Roland Barthes’ Einsichten aus „Die helle Kammer“ über das Zusammentreffen von Leben und Tod, Zeit und Zeitlosigkeit im fotografischen Bild erinnert. Scheinbar nebensächliche Details werden dem Betrachter zur Hauptsache, sie zeigen etwas Unsagbares, das ihm geradezu physisch entgegenschießt und ihn besticht.

          Bis in unsere Gegenwart führen uns Claudio Magris’ geistvolle Petitessen, durch eine Welt voller normierter Seltsamkeiten und menschlicher Kleinkriege. Stets scharfsinnig in der Wahrnehmung und einfühlsam im Urteil, ist er schließlich nicht darum verlegen, sich selbst ins Bild zu setzen: als bemitleidenswerten Wüterich im abschließenden „Selfie“, das einen erleichtert darüber aufatmen lässt, dass nicht nur glorreiche Momente vergehen, sondern auch Epiphanien der Beschränktheit. Und machen diese das Leben nicht erst interessant?

          Claudio Magris: „Schnappschüsse“. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. Hanser Verlag, München 2019. 192 S., geb., 20,– .

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