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Kritikerin Sigrid Löffler : Die Unbestechliche

An ihr führt in der Literturkritik kein Weg vorbei: Sigrid Löffler. Bild: AP

Als Mitglied des „Literarischen Quartetts“ von 1988 bis 2000 revolutionierte sie das Fernsehformat mit ihrer modernen, eher zum 21. Jahrhundert gehörenden Stimme. An diesem Sonntag wird die Literaturkritikerin Sigrid Löffler achtzig.

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          Als Leser soll man von Literaturkritikern nicht fordern, mit ihnen immer einer Meinung sein zu können. Aber man darf erwarten, die Kriterien zu erkennen, nach denen sie Literatur bewerten, man darf Klarheit der Darstellung und Stringenz der Argumentation fordern, außerdem Belesenheit, Neugierde, Offenheit und noch einiges mehr. Übrigens auch guten Stil, den will man ebenfalls. Und Mut beim Vortragen unliebsamer Meinungen. Gern auch Debattenfähigkeit.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Gerade die war das Thema beim wohl berühmtesten Zerwürfnis der deutschen Kritik, nämlich dem Ausstieg Sigrid Löfflers aus dem „Literarischen Quartett“, dem sie von 1988 bis 2000 angehört und das sie sehr wesentlich mitgeprägt hatte. Die Nacherzählung dieser Kontroverse können wir uns sparen. Wichtiger ist, auf die geniale Idee hinzuweisen, die der Sendung zugrunde lag: dass die Position Marcel Reich-Ranickis mit der Position Sigrid Löfflers in permanentem, überaus konstruktivem Streit lag und dem Blabla-Format des Fernsehens eine ungewöhnliche, fast revolutionäre Dauerspannung verlieh, die es heute leider nicht mehr gibt. In dieser Anordnung war Löffler – wie sehr Humorlosigkeit zu ihrer Rolle gehörte, wird sich wohl nicht mehr entscheiden lassen – die modernere, eher zum 21. Jahrhundert gehörende Stimme.

          Bewaffnet mit Lektürenotizen

          Von Löfflers sichtbaren Leitungsfunktionen im Feuilletonbetrieb – stellvertretende Kulturchefin bei „Profil“, umstrittene Feuilletonchefin der „Zeit“, Herausgeberin des Monatsmagazins „Literaturen“ – mögen andere aus der Nähe erzählen, und je nachdem wer erzählt, kämen wüste Geschichten dabei heraus. Entscheidend ist auch hier: Sigrid Löffler war und ist eine der besten Leserinnen und eine der besten Publizistinnen des Landes. Welches denn? Nun, Österreichs sowieso. Aber auch Deutschlands.

          Ihre Verteidigung Peter Handkes betraf nicht den politischen Kommentator, sondern den widerborstigen Künstler, eine Trennung, auf der sie immer bestanden hat. Geht sie ins Radiostudio, kommt sie bewaffnet mit Aufzeichnungen und Lektürenotizen, und selbst wenn sie ihre Meinung zu Neuerscheinungen im Frage-Antwort-Format ins Mikrofon spricht, sind sie so bestechend formuliert wie ein gedruckter Text. Ist sie voreingenommen? Ganz bestimmt: Mit Religiosität in der Literatur kann sie nichts anfangen, weshalb sie auch den letzten Roman von Jonathan Franzen etwas tiefer in die Tonne getreten hat als irgendjemand sonst in Deutschland. Aber da ihre Leser das wissen, können sie davon abstrahieren.

          In ihren Preisreden hat sich Sigrid Löffler, die ihrerseits zahlreiche Preise erhalten hat, immer wieder gewichtige Themen vorgenommen. Als der große serbische Erzähler Aleksandar Tišma 1996 den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung erhielt, hielt sie eine Laudatio, die man auch mehr als 25 Jahre später noch mit Gewinn liest, weil sie wesentlich von den komplexen Beziehungen zwischen Tätern und Opfern, Reden und Schweigen, Erinnern und Verdrängen spricht – also den traumatischen Themen eines Jahrhunderts, in dem die Gestalt eines multiethnischen Europas ein ums andere Mal in brutalem Tempo zerschlagen wurde.

          In einer Lobrede auf Daniela Strigl analysierte sie den Bedeutungsverlust der Literaturkritik im Zeitalter der digitalen Medien. Damit sagte sie nichts Neues über sich selbst, die Unbestechliche, schickte aber eine Warnung an die jüngere Generation: Werdet nie zum verlängerten Arm des Verlagsmarketings und zum Affirmationsäffchen des Betriebs. An diesem Sonntag feiert die unbeugsame Publizistin Sigrid Löffler ihren achtzigsten Geburtstag.

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