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Autorin Joke van Leeuwen : Wie liest man weiße Gedanken?

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Joke van Leeuwen Bild: Picture Alliance

Sie schaffen das schon, die Kinder: Das Werk der niederländischen Autorin Joke van Leeuwen ist eindrucksvoll. Heute wird sie siebzig.

          2 Min.

          Im Jahr 1988 erhielt die niederländische Autorin und Illustratorin Joke van Leeuwen für ihr Kinderbuch „Deesje macht das schon“ den Deutschen Jugendliteraturpreis. Seitdem ist das Werk der 1952 in Den Haag geborenen Leeuwen mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen gewürdigt worden. Schon in „Deesje macht das schon“ ist ein literarisches Leitmotiv angelegt, das Joke van Leeuwens Werk durchzieht. Erzählt wird von dem unscheinbaren Mädchen Deesje, das im Zug zu einer Halbtante in die Großstadt fährt, am Bahnhof nicht abgeholt wird und nun auf sich allein gestellt eine Odyssee erlebt. Dass „Deesje macht das schon“ keine traurige Geschichte über Vernachlässigung von Kindern und Egoismus der Erwachsenen ist, sondern ein liebevolles Plädoyer für die Autonomie der Kindheit und für die Kraft der Phantasie, liegt an der Erzählkunst der Autorin und ihrer Parteinahme für Kinder.

          In mehr als 35 Jahren hat Joke van Leeuwen ein umfangreiches kinderliterarisches Werk geschaffen, das künstlerisch aufregend, originell und eigenständig ist. Sie verwebt meisterhaft Wörter und Bilder zu einer Erzähleinheit. Dabei nutzt sie mit Witz, Klugheit und Hintersinn ihre künstlerische Doppelbegabung, was in den heute beliebten Comicromanen für Kinder nicht annähernd gelingt. Sie verbindet einen lakonischen, gänzlich unsentimentalen und unpädagogischen Ton mit einem wilden, nur oberflächlich naiv anmutenden Illustrationsstil. Ihre alles Niedliche aussparenden Zeichnungen und Collagen greifen in die Texte ein und erzählen diese weiter. Sie spielt mit der Zeichenhaftigkeit von Sprache und reizt die Möglichkeitsräume des literarischen und bildnerischen Erzählens aus. Etwa wenn die Ich-Erzählerin in „Weißnich“ (2014) Angst hat, dass ihre Gedanken „weiß werden würden. Dann könnte ich sie nicht mehr lesen.“

          Auch wenn Joke van Leeuwen hier und in Büchern wie „Hast du meine Schwester gesehen?“ ihre Freude an der Metafiktion lustvoll auslebt, hat sie sich nie von den eigentlichen Adressaten ihrer Bücher, den Kindern, entfernt. Ihre uneingeschränkte Sympathie gilt den jungen Protagonisten, deren Gedankengängen und Gefühlsregungen sie mit großem Einfühlungsvermögen nachspürt. Diese sind wie Deesje oft vergessen, übersehen, übergangen oder sind auf der Suche nach der Schwester, der Mutter, dem Vater, der Tante. Sie werden dabei nie zu Objekten unseres Mitgefühls, sondern sind trotz ihres schüchternen, zurückhaltenden Wesens starke Persönlichkeiten, hineingeschmissen in eine unfreundliche Welt, in der sie sich mit der Zuversicht seelischer Unversehrtheit und manchmal auch mithilfe phantastischer Kräfte zu behaupten wissen.

          Inzwischen hat sie etwa sechzig Bilder-, Kinder- und Sachbücher geschrieben, von denen sechzehn ins Deutsche übersetzt wurden. Die Unerschütterlichkeit ihrer kindlichen Figuren und deren entwaffnende Weltsicht bewahren die Geschichten Joke van Leeuwens vor dem Abgleiten ins Melancholische und wenden sie oft ins Heitere, manchmal Komische. Heute feiert sie ihren siebzigsten Geburtstag.

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