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Goethe-Ausstellung in Bonn : Er nahm die Mittagskutsche

Die Pistole, mit der sich ein Freund Goethes erschoss, der später als Vorlage für den Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ diente, steht in der Bundeskunsthalle in einer Vitrine. Bild: Oliver Berg/dpa

Chronist der Verwandlungen seiner Zeit: Die Stiftung Weimarer Klassik zeigt zum ersten Mal seit 1994 eine große Goethe-Ausstellung. In Bonn begegnet man einem Kollegen von Max Goldt.

          4 Min.

          „Sich selbst zu loben, ist ein Fehler“, schreibt Goethe im „West-östlichen Divan“. Wir zeigen nur der Information halber an, dass wir auch vorkommen in der Goethe-Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle. Eine Artikelserie dieses Feuilletons von 2010 illustriert die Rezeption der 1819 erschienenen Gedicht- und Spruchsammlung im religionspolitischen Streit der Gegenwart. Es wurde sogar eine Katalognummer für die Zitate vergeben, obwohl sie im Katalog nicht abgedruckt sind.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Thilo Sarrazin hatte damals in diesen Spalten dem Bundespräsidenten Christian Wulff vorgeworfen, er habe sich in seiner den Islam nach Deutschland eingemeindenden Rede zu Unrecht auf Goethe berufen. Dass der Bestsellerautor den Dichter umgekehrt für seine islamkritische Position reklamierte, löste ebenfalls Kritik aus – und schon kam eine „Feuilleton-Debatte“ in Gang, von der es im Katalog heißt, „bezeichnenderweise“ sei ihre „Erregungsamplitude“ weniger vom politischen Gehalt von Wulffs Rede „in die Höhe getrieben“ worden als vom Autoritätsargument des Goethe-Zitats. „Noch nie in seiner wechselvollen Rezeptionsgeschichte ist der ,West-östliche Divan‘ so nah an das herangerückt, was sich Fundamentalisten innerhalb des Christentums, des Judentums und des Islams bis heute unter einem ,heiligen Text‘ vorstellen: eine wortwörtliche Quelle dogmatischer Wahrheit, dargeboten in Einzelversen ohne historischen Kontext und ohne jede literarische Dignität.“

          Der Dichter als Gesprächspartner

          Die Wulff-Sarrazin-Kontroverse führt Thorsten Valk, der federführende Kurator, Referatsleiter Forschung und Bildung der Stiftung Weimarer Klassik, auch gleich zu Anfang der Einleitung des Katalogs an, als Paradebeispiel für die öffentliche Verwendung Goethes, mit der die Ausstellung brechen will. Er soll nicht mehr in der Toga des olympischen Gesetzgebers die Stichworte für das bessere Deutschland der Tagesmode liefern. Stattdessen lautet das Motto: „Der Dichter als Gesprächspartner“. Dafür beruft man sich auf die Autorität des Germanisten Richard Alewyn, dessen Satz, zwischen uns und Weimar liege Buchenwald, in den Goethe-Reden der vergangenen siebzig Jahre wahrscheinlich häufiger zitiert worden ist als jedes Goethewort.

          Ob die Feuilleton-Debatte 2010 tatsächlich in der Fundamentalismusfalle stecken blieb, muss hier nicht weiter erörtert werden; die Texte lassen sich in Zeitungsarchiven nachlesen. Aber wie steht es um den Anspruch der Ausstellung, nicht bloß Zitatbrocken zu bieten, sondern auch historischen Kontext? Der Name des Philosophen Baruch Spinoza fällt nicht. Wegen der radikal monotheistischen Theologie und der antikirchlichen Verfassung wirkte der Islam auf Intellektuelle attraktiv, die auf Spinozas Spuren eine menschheitliche Vernunftreligion zu begründen versuchten.

          Das Stichwort des Spinozismus hätte es auch möglich gemacht, zwischen den Kapiteln der Ausstellung Verbindungen zu schlagen und ihr Leitthema „Verwandlung der Welt“ in Begriffen der Goethezeit zu bestimmen. Die spekulative Überlegung, dass die Philosophie über den Monotheismus hinauskommen und die Einheit von Gott und Natur erfassen müsse, hatte eine auf Unruhe gestimmte Denkungsart hervorgebracht, die aus dem leisesten Donnergrollen den alles verschlingenden Weltprozess heraushörte. „Im Anfang war die Kraft!“ Diese Variante aus der Serie von Fausts Übersetzungsversuchen zum Prolog des Johannesevangeliums ist eine spinozistische Losung.

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