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Kritisch und engagiert: Hannelore Schlaffer im Jahr 2008. Bild: Picture-Alliance

Hannelore Schlaffer zum 80. : Auf Stil-Jagd zwischen Bürgertum und Bohème

  • -Aktualisiert am

Strickt Texte, wie es sich für ein unordentliches Frauenzimmer gehört: Der Germanistin und Essayistin Hannelore Schlaffer zum achtzigsten Geburtstag.

          Redegewandtheit, Bildung und Libertinage: Aus diesen drei Ingredienzen lässt Hannelore Schlaffer im neunzehnten Jahrhundert die Intellektuelle entstehen. Die Pointe liegt in der femininen Form. Mit der Eroberung einer Position geht einher, dass sich die Denkerin die maskulinen Rollenmuster erschließt: „Rüpel und Rebell“ (2018). Sie schreibt sich damit ein in die Erfolgsgeschichte geistiger Unabhängigkeit – die eine Geschichte des schlechten Benehmens ist. Die Intellektuelle kann als unbequeme Kritikerin auftreten, als rücksichtslose Provokateurin, als elegante Spielerin. Unabhängigkeit deutet auf Einzelgängerei, doch auch der intellektuelle Pakt ist eine Option: im „Plan vom Leben als Paar“ (2011).

          Ob Rüpelei oder Rebellion: Der Akzent liegt auf der Lebensform. Nicht die Programme, nicht die Absichten, auch nicht die Melancholie machen die Intellektuelle aus: Der Stil sei ihr eigentliches Kampfmittel. Sie strebt in die Öffentlichkeit. Als Biotop braucht, ja, kreiert sie, wie Hannelore Schlaffer zeigt, die moderne Großstadt, wie wir sie kennen. Das Modell ist natürlich Paris. Bis die Intellektuelle die Institutionen, die Universitäten, Zeitungen und Verlage, erobert, vergeht freilich seit den ersten Auftritten viel Zeit.

          Aufstieg einer Publizistin

          Noch als Hannelore Schlaffer zu studieren begann, standen für junge Akademikerinnen nur eingeschränkte Möglichkeiten der Betätigung zur Verfügung: Schule, Übersetzung, Lektorat. Professorinnen gab es in den literarischen Fächern – und nicht nur dort – kaum. Der weibliche Anteil beim wissenschaftlichen Personal lag den Statistiken zufolge in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre insgesamt nur bei etwa fünf Prozent. Nicht wenige dieser Positionen waren schlecht oder unbezahlt, viele Wissenschaftlerinnen mussten ihr Geld nebenbei verdienen oder auf gutverdienende Partner setzen. Hannelore Schlaffers Dissertation zur Sozialgeschichte des Dramas, eine kritische Auseinandersetzung mit Hegel, Georg Lukács und Peter Szondi, erschien 1972 – nach einem halben Unterrichtsjahrzehnt an bayerischen Gymnasien.

          Die ihrerseits durchaus verschulten Literaturprogramme an der Sorbonne öffneten den Weg in die Räume, die Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre zwei Jahrzehnte zuvor jenseits der universitären Seminare erobert hatten: Cafés, Redaktionen, Verlagsbüros. Nach der Habilitation zum „Wilhelm Meister“, die nicht den Bildungsroman, sondern das „Ende der Kunst“ in den Blick nahm, begann Hannelore Schlaffer, sich als Publizistin einen Namen zu machen, nicht zuletzt mit zahlreichen Beiträgen für diese Zeitung. Ihre Kritik kommt, ganz wie sie es vom Intellektuellen fordert, aus der Zusammenschau von Erfahrung und Lektüre. Stilistische Ausdrucksformen erkundet Hannelore Schlaffer immer wieder: ob sie das Vergnügen an der Mode gegen Männer und Feministinnen verteidigt oder, preisgekrönt, den Niedergang der Großstadt als „City“ bilanziert.

          Umfassender Blick ohne Allüren

          Ihre eigenen Erlebnisse blitzen darin immer wieder auf: sei es der Affront, die langen Haare an der Schule offen und ohne Spange getragen zu haben, sei es das seltene Gefühl, von arrivierten Professorenkollegen ihres Mannes respektvoll behandelt worden zu sein. Hannelore Schlaffer reüssierte nicht nur als Frau in einer Zeit der Männerbünde, sondern auch in einem Fach, das die Beziehung zwischen Gegenstand und Betrachter, zwischen Philologe und Dichtung, bloß in zwei männliche Schemata zu fassen vermochte: auf der einen Seite der kalte, medizinische Blick auf die Patientin, auf der anderen Seite der zudringliche „gaze“ des Don Juan auf die Passantin. Was blieb da für die Philologin noch übrig?

          Die Chance lag darin, vor die Wahl zwischen zwei Passionen, zwei Pathologien, gestellt, mit bestimmter Geste zu sagen: Keine von beiden, danke! Um intellektuelle Freiheit und Befreiung ist es Hannelore Schlaffer immer wieder zu tun, doch nie um den reinen Gedanken, die allzu pure Idee – immer auch um das Gewand, die Erscheinung. In den vergangenen Jahren wurden die kulturkritischen Töne deutlicher vernehmbar: Geschwindigkeit, Lärm und Grobheit kritisiert Hannelore Schlaffer scharf als die stilistischen Kollateralschäden unserer Zeit. Auch die Figur des Intellektuellen sieht sie dadurch bedroht: Aus dem schmutzigen Philosophen und Tonnenbewohner, der im achtzehnten Jahrhundert in den Salons der aristokratischen Damen zugelassen wurde, ist der geschniegelte Selbstdarsteller geworden, der mit Rollkoffer von Talkshow zu Talkshow tingelt.

          Hannelore Schlaffer beherrscht das intellektuelle Spiel, das Offenlegung und Distanzgeste verbindet. Ihre Texte sind angetrieben vom Unmut über Behäbigkeit und Langeweile. Nicht wenige der bekannten Essays, darunter auch das Buch über Jugend und Alter, sind nach dem Ende der Lehrtätigkeit entstanden. „Eigentlich gibt es kein Alter“, so schreibt sie. Es sei eine merkwürdige Erfindung der sozialen Reformen des neunzehnten Jahrhunderts. Die Einsicht macht es leicht, zum Geburtstag zu gratulieren: Heute wird Hannelore Schlaffer achtzig Jahre alt. 

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