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Büchnerpreis-Verleihung : Auf dem Rücken der Pferde

  • -Aktualisiert am

Clemens J. Setz bei der Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt. Bild: dpa

Falls es noch irgendwelche Zweifel gegeben haben sollte, dass der Büchnerpreis für Clemens Setz berechtigt war, wurden sie bei der Verleihung in Darmstadt ausgeräumt: Der 38 Jahre alte Österreicher hielt eine literarisch glänzende Rede.

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          An Clemens J. Setz wurde zuletzt häufiger gerühmt, dass er auch Gedichte auf Twitter schreibt. Das ist ja schön und eine große Aufwertung dieses Mediums, es hilft zudem, ein Gefühl für Literarizität an solche zu vermitteln, die es sonst nicht haben, man kann es auch ernsthaft als Indiz für eine Ausweitung des Werkbegriffs sehen – aber es enthebt jemanden, der sich für den Schriftsteller interessiert, nicht davon, auch dessen restliches Werk wahrzunehmen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Werk erinnert, die Steilvorlage muss man einfach nutzen, wenn es um den Büchnerpreis geht, an den schon oft zitierten Satz aus „Woyzeck“: „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“ Er trifft zum Beispiel auf Setz’ tausendseitigen Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (2015) zu, der die Frage, was gesund und was krank ist, jenseits medizinischer Begriffe völlig neu stellt, der auch Szenen enthält, die man vielleicht lieber nicht gelesen hätte, und der einen wochen-, wenn nicht lebenslang beschäftigen kann.

          Nichts Nicht-Menschliches ist ihm fremd

          Das soll aber gewiss keine Abwertung seiner „kleineren“ Formen sein – was für ein gewitzter, polyglotter Lyriker und Prosaminiaturist der in Graz geborene Setz ist, bewies er am Freitagabend auch dem Darmstädter Publikum bei einer Lesung. Setz ist, mit gerade einmal 38 Jahren, ein kompletterer Schriftsteller als viele ältere Kollegen und manche Büchnerpreisträger vor ihm. Das sei auch deshalb noch einmal festgestellt, weil Ernst Osterkamp, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, diese zur Verleihung im siebzigsten Jahr des Büchnerpreises mit dem Hinweis begrüßte, die Umstrittenheit einer Jury-Entscheidung sei ja ganz normal. Falls das auf irgendwelche Zweifel an Setz als Preisträger hindeuten sollte, wurden sie hoffentlich mit der sehr guten Laudatio des Kritikers Ijoma Mangold schon ausgeräumt. Er beschrieb Setz’ Interesse am Maschinenhaften des heutigen Lebens mit den Worten „nichts Nicht-Menschliches ist ihm fremd“, ordnete das Werk zwischen den Polen des Spielerisch-Kybernetischen und der Not und Bedürftigkeit seiner Figuren ein, hob die synästhetische Schreibweise daran hervor und nannte es ein „literarisches Metaversum“.

          Den Zählpferden den Krieg erklären: Karl Krall mit seinem Araberhengst Zarif um 1912.
          Den Zählpferden den Krieg erklären: Karl Krall mit seinem Araberhengst Zarif um 1912. : Bild: picture alliance / akg-images

          In seiner Büchnerpreisrede bewies Setz von Neuem, was man schon von seiner Bamberger Poetik-Dozentur 2016 oder seiner Klagenfurter Rede zur Literatur 2019 wissen konnte: Dass er gerade auch in diesem Genre allegorisch vieldeutige literarische Texte hervorbringt, die kurzweilig und tief sind. Die Rede ist im Grunde eine Erzählung. Es geht darin um den Tierpsychologen Karl Krall, der um 1910 Pferden das Sprechen beibringen wollte und den man – das eben ist die zentrale Erfahrung im Umgang mit Setz-Texten – auch ohne Weiteres für erfunden halten könnte, so wie es etwa Kalendergeschichten Hebels nebst Illustrationen im Roman „Indigo“ (2012) sind.

          Die Versuche Kralls, sich in Klopfsprache mit den Pferden zu unterhalten und ihnen eine Vorstellung von Arthur Schopenhauer zu vermitteln, nur um sie schließlich in den Ersten Weltkrieg zu entlassen, nutzt Setz zu einer phantasievollen Reflexion über den Sinn der Literatur. Den Pferden zu erklären, was Krieg ist: „Das ist für mich das geheime Herz aller Erzählkunst.“ Wer erzähle, müsse auch „an Außerirdische predigen können“ und eine Vertrauensperson „außerhalb unserer Zeit und unserer Spezies ersinnen können“, eine Art „sprachfähige Sonde, die möglicherweise irgendwann, randvoll mit Erkenntnis, zu uns zurückkehren darf“. Unter Bezug auf Woyzeck, der nach seiner „schockierenden Mordraserei“ noch Empathie mit einem Kind zeige, leitete Setz das Recht der Schriftsteller ab, „den Geschöpfen, die noch nichts von dieser mörderischen Welt ahnen, eine Freude zu machen“.

          Wenn der Eindruck nicht täuscht, hat die Akademie am Samstag in Darmstadt übrigens drei Literaturpreise verliehen. Denn auch der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ging laut Laudator Armin Thurnher an einen krausianischen Schriftsteller der „rebellischen Wiener Intelligenz“ und inspirierte diesen, Franz Schuh, zu einer philosophisch-poetischen Rede zwischen Hegel und Nestroy. Und der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa an den Kirchenhistoriker Hubert Wolf ehrte laut dem Fachkollegen Christoph Markschies einen Mann, der aus der Schar der Historiker, „die gar nicht oder schlecht erzählen“, als glänzendes Beispiel heraussteche.

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