https://www.faz.net/-gr0-9ml7k

Interview mit Zadie Smith : Belügt euch nicht!

  • -Aktualisiert am

Zadie Smith Bild: Getty

Wir haben die junge Generation verraten. Wir brauchen eine Revolution, die uns vom Internet befreit. Und wir müssen unsere Freiheit verteidigen. Ein Gespräch mit der britischen Schriftstellerin Zadie Smith.

          6 Min.

          Sie vertreten in Ihrem neuen Buch „Freiheiten“ die These, dass wir ohne Social Media sehr viel freier wären. Warum?

          Sie absorbieren unsere Zeit, beanspruchen unsere Energie – werden gesteuert von einer Wirtschaft, deren Ziel unsere Aufmerksamkeit ist. Wenn ich Menschen im Alltag beobachte, vor allem jüngere, die ständig damit beschäftigt sind, komme ich immer klarer zu dem Schluss: Ihnen wird Zeit, Kreativität und Energie durch Social Media genommen, und das ist ihrer, die in Wahrheit doch über so viel Kreativität verfügen, unwürdig.

          Etabliert nicht jede Generation neue und eigene Kommunikationswege?

          Es geht ja nicht allein um Kommunikation, es ist eine Art von Fiktion, die durch Social Media entsteht: ein Gebilde aus Selbstdarstellung und vermeintlichen Nachrichten über die Welt, die ständig gelesen und geteilt werden, dann wieder sofort gelesen, kommentiert, wieder geteilt werden. Es ist eine massive Ablenkung vom eigentlichen Leben, dem Leben, in dem man wirklich handeln könnte.

          Was meinen Sie mit vermeintlichen Nachrichten?

          Der Begriff Nachrichten scheint mir bei dem, was durch moderne Technologien verbreitet wird, nicht mehr passend. Es ist nicht so, dass Neuigkeiten ab und zu in unser Leben getragen werden. Was heute Nachrichten genannt wird, macht bei vielen einen massiven Bestandteil ihres täglichen Handelns aus – sie interagieren immerzu mit Mitteilungen. Ständig wird das Handy herausgezogen. Mir fällt das in New York immer wieder auf, gerade bei weißen Männern mittleren Alters, die andauernd die Schlagzeilen abrufen. Wenn sie nicht mithalten, scheint das für sie ein beinahe beschämender Zustand zu sein.

          Sie sind nicht einfach politisch interessiert?

          All das Lesen, Teilen oder Tweeten bleibt doch folgenlos. Noch ein Beispiel aus New York: Als der Mueller-Report erschien, konnte man die Erschütterung, die die Menschen erfasste, ganz deutlich spüren – auch der weißen Männer mittleren Alters, die ich eben erwähnt habe. Weil sie erwartet hatten, dass mehr passiert, dass ihre Aufmerksamkeit doch irgendwo hätte hinführen müssen, ihr ständiges aufs Smartphone-Schauen, ihr Gefühl, partizipiert zu haben. Aber sich auf Social Media mitzuteilen oder Texte im Internet zu lesen ändert nichts an der realen Situation.

          Es ist eine Illusion?

          Ja. Und zugleich eine massive Ablenkung von der wahren politischen Person, die man sein könnte. Wenn man sich die Wahlbeteiligung bei der letzten Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten ansieht, erkennt man, wie wenige „Millennials“ gewählt haben. Viele leben mehr in ihrer Social-Media-Welt als in der Wirklichkeit. Das ist nicht allein ihr Fehler, denn sie sind in einer passiven Kultur aufgewachsen, einer Kultur, die sich nicht um Freiheiten gekümmert hat. Das hat die Generation vor ihnen verpasst. In den Vereinigten Staaten ebenso wie in Europa.

          Politikverdrossenheit : Junge Briten sind wahlmüde

          Ihre Generation.

          Ja. Wir haben uns zu lange nur für uns selbst interessiert, einen absolut hedonistischen Lebensstil geführt. Wenn man zwanzig Jahre zurückblickt, haben wir vor dem Hintergrund einer boomenden Wirtschaft doch nur uns selbst gedient und vielleicht ab und zu einen Delfin per Unterschrift und Überweisung gerettet, wenn zufällig eine gemeinnützige Organisation an die Tür klopfte. Wir haben nicht nach rechts und links geschaut, uns um nichts gekümmert, uns nicht engagiert für unsere Freiheiten, und wir haben uns das erlauben können, weil wir nicht in Iran, Afghanistan oder Äthiopien lebten, sondern dort, wo der Weg geebnet war, ohne dass wir etwas dafür tun mussten. Das Ergebnis ist auch diese Kultur der Passivität, die natürlich nicht auf alle Jüngeren zutrifft, aber auf viele. Gepaart mit der Manipulation und Ablenkung durch Social Media ist das wirklich beängstigend.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer die Zeit und das Geld hatte, hat sich in diesem Sommer gerne im eigenen Pool gesonnt.

          Vermögensvergleich : Wie reich sind Sie wirklich?

          Neue Zahlen zeigen, wie sich das Vermögen der Deutschen über das Leben entwickelt. Schon mit einem abbezahlten Haus und einer Lebensversicherung können Sie zu den oberen zehn Prozent gehören. Testen Sie selbst, wo Sie in Ihrer Altersgruppe stehen!
          Ein Mund-Nasen-Schutz liegt auf dem Asphalt einer Einkaufsstraße.

          Corona-Pandemie : Neue Corona-Kennwerte braucht das Land

          Steigende Neuinfektionen versetzen Deutschland in Corona-Panik. Doch auch andere Parameter als allein die Zahl der Infizierten sind jetzt entscheidend für die Einschätzung der Corona-Pandemie in diesem Winter.
          Weihnachtsmänner beim Fiebermessen im August bei der Weihnachtsmannausbildung an der Southwark Kathedrale in London.

          Kontaktverbote an Heiligabend? : Einsames Weihnachten

          An Heiligabend drohen Kontaktverbote. Gar solche, die „seelisch weh tun“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. Andere raten von einer Totalisolation dringend ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.