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Die Botschaft des Dissidenten : Fürchterliche Haftbedingungen

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Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu bei seiner Lesung in Tübingen Bild: dpa

Vier Jahre saß der regimekritische Dichter Liao Yiwu in chinesischen Gefängnissen, wurde bedroht und gefoltert. Nach seiner Flucht ins deutsche Exil kann er nun endlich frei reden. In Tübingen hat er das zum ersten Mal getan.

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          „Ein Gefangener in China ist noch weniger wert als Scheiße.“ Noch vor gut einer Woche hätte Liao Yiwu für einen solchen Satz gleich wieder ins Gefängnis kommen können. Doch nach seiner Flucht ins deutsche Exil konnte der chinesische Autor und Dissident erstmals in aller Öffentlichkeit reden, ohne an die Folgen denken zu müssen. Er genoss diese neue Freiheit sichtlich, als er am Freitagabend in Tübingen seinen ersten Auftritt nach seiner Flucht hatte.

          Längst ist Liao einer der bedeutendsten regimekritischen Schriftsteller in China - nach seiner Flucht letzte Woche umso mehr. Liao ist diese Rolle gar nicht recht. „Ich bin nur ein Dichter. Ich kümmere mich nicht um Politik“, sagte er. Er wolle sich in seinen Texten lediglich um Menschen am Rande der Gesellschaft kümmern. Aber in China sind gerade solche Texte hoch-politisch.

          Keinen Lebenswillen mehr gehabt

          In Tübingen las Liao Gedichte und Prosa, sein deutscher Übersetzer Hans Peter Hoffmann trug die deutschen Fassungen vor. Darunter auch das Gedicht, mit dem alles angefangen hatte: „Massaker“ hatte Liao es überschrieben. Für diesen Text über die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 saß er von 1990 bis 1994 im Gefängnis. Obwohl Liao auf Chinesisch las, war seine Botschaft unüberhörbar: Es las leise, melodiös, steigerte sich in seine Texte hinein, regte sich auf, bemühte sich wieder um Distanz, schimpfte, klagte an, redete sich völlig in Rage, begann zu brüllen, um kurz darauf wieder zu flüstern.

          Die Erfahrungen seiner vier Jahre im Gefängnis liefern auch den Stoff für sein neuestes Buch, das am 21. Juli im Frankfurter S. Fischer-Verlag erscheinen soll: „Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“. Die Bedingungen in der Haft seien fürchterlich gewesen. Ein Mensch habe dort keine Würde gehabt. „In diesem Moment wusste ich: Ich bin kein Literat, ich bin kein Dichter. Ich bin ein Gefangener wie die anderen.“ Zwei Selbstmordversuche habe er unternommen, erzählte Liao. Sein Lebensmut habe zum Weiterleben einfach nicht mehr ausgereicht. Aber wenn er schreibe, dann verliere er das Gefühl, eingesperrt zu sein.

          Das dreimal geschriebene Buch

          Also schrieb Liao über seine Zeit im Gefängnis. Mehr als zehn Jahre arbeitete er an dem Buch. Bis zuletzt versuchten die Behörden alles, um die Veröffentlichung im Ausland zu verhindern. Zweimal wurde das Manuskript beschlagnahmt, so dass er es ein drittes Mal schreiben musste. Um seine Arbeit zu retten, entschloss er sich nun zur Flucht. Dabei habe er eigentlich nie aus China weg gewollt, erzählte Liao. Schließlich sei das doch sein Land.

          Aber der 1958 geborene Schriftsteller las nicht nur, er musizierte mit tibetischen Klangschalen und chinesischen Flöten. Dazu sang er - einen tiefen, melancholischen Singsang, Laute, die von ganz weit unten kamen. Er musiziere viel seit seiner Flucht, erzählte Liao. „Mein inneres momentanes Befinden kann ich nicht in Worten zum Ausdruck bringen.“

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