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„Thomas Mann in Amerika“ : Überleben hieß siegen

„Wo ich bin, ist Deutschland“: Wie Hunderte andere deutsche Schriftsteller ist Thomas Mann vor Hitler ins amerikanische Exil geflohen: Ein Ausstellung in Marbach zeigt, wie hier das Politische und das Poetische zusammenfinden.

          New York, 29. Mai 1934. Frühstück, Einfahrt, Freiheitsstatue. In „rot glühendem Nebel“ zeigen sich die „cyklopischen Bauten“ der Stadt. Dann verlässt Thomas Mann den niederländischen Passagierdampfer „Volendam“, und „The Most Eminent Living Man of Letters“, als den ihn die „New York Herald Tribune“ begrüßt, betritt zum ersten Mal in seinem Leben amerikanischen Boden. Einer von 132.000 deutschen Staatsbürgern, die zwischen 1933 und 1945 Aufnahme in den Vereinigten Staaten finden. Einer von 682 deutschen Schriftstellern, die vor Hitler ins amerikanische Exil fliehen. Und der Einzige, der von sich zu sagen wagt: „Wo ich bin, ist Deutschland.“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          „Die Paß-Revision“, so wird es Thomas Mann noch am Tag der Ankunft im Hotel Savoy Plaza in seinem Tagebuch festhalten, „im Trubel ohne Anstand erledigt. Ausschiffung und Gepäck-Kontrolle, wobei der Inspektor mein Joseph-Manuskript untersuchte, da man auf staatsgefährliche Schriften fahndet.“ Achtzehn Jahre später wird der Nobelpreisträger, mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, seiner neuen Heimat den Rücken kehren. Denn die Fahndung nach vermeintlich staatsgefährdenden Schriften, Kunstwerken und Gedanken hatte im Amerika der McCarthy-Ära Züge angenommen, die den Schriftsteller empörten, anwiderten und fassungslos machten.

          Ein hysterischer Antikommunismus im Gefolge einer nicht unbegründeten Angst vor einem neuerlichen Weltkrieg vergiftet das Land. Dass auch er selbst, wie so viele seiner Künstlerkollegen, vom FBI bespitzelt wird, ahnt Thomas Mann zunächst nicht. Amerika, das für den deutschen Emigranten, den die Nazis 1936 ausgebürgert hatten, ein Ort der Freiheit und ein Hort der Hoffnung gewesen ist, bereitet ihm nun eine tiefe Enttäuschung, so tief, dass er sie fast nicht verkraften kann. Gegen den Nationalsozialismus hatte er gekämpft, zunächst zögerlich, dann mit größter Entschlossenheit. Dem Amerika McCarthys hat der über Siebzigjährige nicht mehr genug an Kräften entgegenzusetzen. Er resigniert. Am 29. Mai 1950 heißt es im Tagebuch des Nobelpreisträgers: „Warum soll ich nicht zugrunde gehen? Mein Leben ist ausgelebt. Angenehm war es nicht“.

          Mehr als nur eine Episode

          Frido Mann, damals zehn und heute fast achtzig Jahre alt, erinnert sich noch gut an die Zeit vor der abermaligen Übersiedlung zurück nach Europa. Im Gespräch mit Jan Bürger erzählt er am Abend des Eröffnungstages der Ausstellung „Thomas Mann in Amerika“ im Deutschen Literaturarchiv in Marbach von der wachsenden Verzweiflung und Verbitterung seines Großvaters angesichts des Vorgehens gegen „unamerikanische Umtriebe“, das sich unter McCarthy zur Menschenjagd auswächst. Die Illustrierte „Life“ diffamiert den Nobelpreisträger zusammen mit Albert Einstein und 48 weiteren prominenten „Kommunistenfreunden“ in einem aufsehenerregenden Artikel aus Anlass der New Yorker Weltfriedenskonferenz vom März 1949. Thomas Manns Reaktion: Er ist „angewidert und niedergeschlagen“. Schon zwei Jahre zuvor war angesichts der Ausweisung des Komponisten Hanns Eisler im Tagebuch in bitteren Worten von der „Herrschaft fascistischer Gewalt“ in Amerika die Rede.

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