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„Thomas Mann in Amerika“ : Überleben hieß siegen

Das Gepäck der Emmigranten Bilderstrecke
Ausstellung in Marbach : „Thomas Mann in Amerika“ im Literaturmuseum der Moderne

Während Frido Mann abends im Literaturarchiv vor gut dreihundert Zuhörern spricht, schlummert ein aufgeschlagenes Exemplar des „Life“-Magazins drüben im Literaturmuseum der Moderne. Es liegt in der letzten von sechs großen Vitrinen dieser faszinierenden Ausstellung, die mit gutem Grund und reichem Material Thomas Manns amerikanische Jahre in zwei Septennate fasst. Während die ersten sieben Jahre, die Zeit der Vortragsreisen (allein im Frühjahr 1938 besuchten 43000 Amerikaner einen der fünfzehn Vorträge) und Rundfunkansprachen, des publizistischen Kampfes gegen Hitler, der Freundschaft mit Agnes E. Meyer, der Mäzenin und Mitherausgeberin der „Washington Post“, und seiner Begegnungen mit Präsident Roosevelt, bekannt und gut dokumentiert sind, hat die Zeit von 1945 bis 1952 weniger Beachtung gefunden. Erst Hans Rudolf Vaget hat in seiner großen, 2011 erschienenen Studie „Thomas Mann, der Amerikaner“ deutlich gemacht, dass auch diese amerikanischen Jahre Thomas Manns mehr waren als nur eine Episode.

Wie das Politische und das Poetische zusammenfinden

Wer die zahlreichen Fotos und Filmdokumente auf den Rückseiten der Marbacher Vitrinen studiert und verfolgt, wie Thomas Manns Habitus sich langsam verändert, die Posen und Gesten ein wenig lässiger, die Anzüge heller, die Gesichtszüge offener werden, wird dies dem Einfluss der Sonne Kaliforniens zuschreiben. Er könnte sich aber auch fragen, ob Thomas Mann, dieser 1875 in Lübeck geborene Sohn eines Kaufmanns, Senators und Großbürgers, nicht erst in seinen amerikanischen Jahren im zwanzigsten Jahrhundert angekommen ist.

Ellen Strittmatter, die Leiterin der Marbacher Museen, und Ulrich Raulff, seit 2004 Direktor auf der Schillerhöhe, haben für ihre letzte gemeinsame Marbacher Ausstellung die eigenen Bestände um umfangreiche Leihgaben aus dem Zürcher Thomas-Mann-Archiv der ETH ergänzt und das vielfältige Material in sechs Vitrinen arrangiert, die auf jeweils drei Ebenen bespielt werden. Oben liegen die Tagebücher, auf der mittleren Horizontalen die Manuskripte der Romane und Essays, darunter Teile des Briefwechsels und der facettenreichen Materialsammlung. Erst in der Zusammenschau aller drei Vitrinenebenen wird deutlich, wie das Politische und das Poetische bei Thomas Mann zusammenfinden.

So komplex, das es die Vitrinen zu sprengen droht

Im Jahr 1938 erschien sein „Bruder Hitler“ überschriebener Aufsatz, nun, am 8.April 1945, schreibt er als der „nach Wildwest verschlagene Bruder“ in einem Brief an Hermann Hesse, der, versehen mit den farbigen Markierungen der Zensurbehörden, in der Vitrine liegt, von der Notwendigkeit der „Politisierung des Geistes“ angesichts des „durch und durch Dreckhaften“ der Nazis, das hinweggefegt werden müsse. Einen Monat später, am Tag der deutsche Kapitulationserklärung, heißt es im Tagebuch mit Rilke: „Überleben hieß: siegen.“ Wiederum zwei Jahre später, in einem Brief an Agnes E. Meyer, bekennt Thomas Mann, dass es ihn nun „nach den nur notdürftig aufgeheiterten Schrecknissen des ,Faustus‘“ danach verlange, „das Heiterste zu erfinden“. Gemeint ist die Arbeit am Roman „Der Erwählte“, der die mittelalterliche Gregorius-Legende neu erzählt.

Thomas Mann in Amerika, das ist die Geschichte des Exilanten, der die Heimat, die er verlassen musste, repräsentiert wie kein Zweiter, es ist die Geschichte des Künstlers, der zum politischen Publizisten, wenn nicht zum Politiker wird, der Amerika mit energischen Verweisen auf die Judenvernichtung zum Eintritt in den Weltkrieg drängt, und es ist die Geschichte des Schriftstellers, der in der Neuen Welt mit dem „Doktor Faustus“, dem vierten der „Joseph“-Romane und dem „Erwählten“ tiefer und tiefer in die Geschichte, Traditionen und Mythen der alten Kultur Europas eintaucht. Wie das Gefundene, also die Materialien der unteren Vitrinenebene, zu dem Erfundenen der Manuskripte wird, das erörtern die Tagebücher und Briefe – unter anderem jene an Erich Auerbach. Dieser Vorgang ist so komplex, das er die Marbacher Vitrinen zu sprengen droht. Aber sie zerspringen nicht, sie erzittern nur. Vor Spannung.

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