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Ausreden von Thomas Glavinic : War nur kurz im Koma, Text kommt!

Thomas Glavinic wollte eine Kolumne über das alltägliche Chaos schreiben. Bild: Foto privat

Freitagnachmittags ist Redaktionsschluss für die FAS-Kolumne des Schriftstellers Thomas Glavinic. Zumindest theoretisch. Praktisch treffen seit drei Jahren die abenteuerlichsten Entschuldigungen für Verspätungen bei der Redaktion ein.

          „Ich möchte endlich mal eine Haushaltskolumne schreiben. Das ist kein Witz. Ich und Haushalt, das kann nur grotesk werden“, schrieb uns der Schriftsteller Thomas Glavinic im Mai 2015. „Aber ich schätze, das wird bei Ihnen keinen Platz haben, oder? Ich befürchte ja, das hat nirgends Platz.“ Wir hatten in diesem Feuilleton gerade unsere neue Kolumnenseite eingerichtet und sagten sofort ja. Was Glavinic vorschwebte, war die Beschreibung eines alltäglichen Chaos.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seine Unfähigkeit zu Ordnung, Pflichterfüllung, die ironische und selbstironische Betrachtung all dessen, was für uns zum täglichen Leben gehört. „Mir persönlich“, sagte er, „wächst die Wohnung langsam um mich herum, nicht aus Hygienemängeln, sondern weil ich absolut unfähig bin, Dinge wegzuräumen. Außerdem sehe ich nichts. Ich merke, dass etwas nicht stimmt, aber ich bin unfähig zu erkennen, was da rumliegt und stört.

          Ich bin unfähig, ein neues, notwendiges Regal zu kaufen. Ich bin unfähig, ein neues Sofa zu kaufen, obwohl das alte an einer Seite zusammengebrochen ist, was dazu führt, dass ich jeden Tag mit entsetzlichen Rückenschmerzen erwache, weil ich vor dem Fernseher einzuschlafen neige, wodurch ich ständig schief schlafe und meine Muskeln sich die ganze Nacht über gegen den Absturz stemmen müssen. Ich sehe im Fernseher bizarre Farben, weil es noch ein 25 Jahre alter Röhrenfernseher ist, ich bin nämlich unfähig, einen neuen Fernseher zu kaufen, werfe andererseits für Absurditäten enorme Summen Geld aus dem Fenster.

          Ich finde in Ecken meiner Wohnung Dinge, deren Herkunft sich nicht eruieren lässt. Wenn mein Kühlschrank kaputt ist wie letzten Winter, stehen die Milch und die Butter am Fensterbrett, weil ich keine Ahnung habe, wo ich anrufen muss, um einen Kühlschrankmann zu kriegen.

          Beim ersten Aufräumvorgang nach dem Bezug meiner Wohnung kam es zu einer Prügelei mit dem Nachbarn unter mir. Ich bin ferner kaum in der Lage, Kaffeekapseln zu kaufen, weswegen ich in Zeiten des Mangels sechsmal täglich runter ins Café gehe und mir einen Latte hole. Bücher, die ich gerade brauche, sind garantiert auf mysteriöse Weise verschwunden. Die ungeöffnete Post wirft die Putzfrau weg. Und so weiter, und so weiter. Was ich beschreiben will, ist Alltag, und ich will zeigen, dass der Alltag eigentlich nie alltäglich ist.“

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          Im Juni 2015 erschien die erste Folge, und während der ersten Monate funktionierte der redaktionelle Ablauf auch einwandfrei. Thomas Glavinic schickte manchmal schon am Donnerstag oder pünktlich am Freitag seine Kolumne, am späten Freitagnachmittag, das wusste er, war für die Kolumnenseite eigentlich Redaktionsschluss. Allmählich aber begann das alltägliche Chaos, von dem die Kolumne handelte, auf die Kolumne selbst überzugreifen.

          Nicht nur die Umstände, die die Kolumne zum Gegenstand hatte, auch die Umstände des Schreibens schienen immer Chaotischer, ja sie schienen zur Produktionsbedingung eines jeden neues Texts zu werden. So hält uns Thomas Glavinic alle zwei Wochen an jedem Freitagnachmittag, manchmal auch am Samstagmorgen in Atem. Es hat noch keinen Sonntag gegeben, an dem seine Texte nicht erscheinen konnten. Seine Ausreden für die Verspätung allerdings werden abenteuerlicher.

          Di, 29.12.2015, 07:07 Uhr

          sorry! ich sitze in thailand mit gebrochenem mittelfuß, drei gerissenen bändern und gips herum und schreibe meinen roman fertig, daher setzt bei mir manche erinnerung aus. hier anbei die kolumne.

          Fr, 15.01.2016, 17:02 Uhr

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