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Anne Tyler wird achtzig : Wunder des Lesens

Seit 1967 lebt Anne Tyler in Baltimore, wo fast alle ihre Romane spielen Bild: Interfoto

Sie verbrachte ihre ganze Kindheit hinter einem Buch und erzählt davon, dass wir das Habitat unserer Familien nie ganz verlassen können: Zum achtzigsten Geburtstag der amerikanischen Schriftstellerin Anne Tyler.

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          Der erste Roman von Anne Tyler, „If Morning Ever Comes“ (1964, deutsch 1996 bei Fischer: „Wenn je der Morgen kommt“), ist aus der Perspektive eines jungen oder auch schon nicht mehr so jungen Mannes erzählt, der nach dem College-Abschluss ein Jurastudium in New York begonnen hat und eines Tages mitten im Semester mit dem Zug zurück in sein Heimatstädtchen in North Carolina fährt, um seine Mutter und seine sechs Schwestern zu besuchen. Dieser Ben Joe Hawkes hat wie fast alle Haupt- und Nebenfiguren von Anne Tyler einen Tick. Beim Lesen hält er die Bücher verkehrt herum, denn er hat Lesen gelernt, als seine Mutter ihm vorlas und er vor ihr stand und von oben in die Bücher hineinsah.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Was man für das Leben in der Welt braucht, lernt man in der Familie. Man kann dieses Wissen aber nicht einfach übernehmen, sondern muss es modifizieren, vielleicht sogar auf den Kopf stellen, wenn man sich den in der Gesellschaft vorgefundenen Lebensformen anpasst. Im gelingenden Fall wird die Modifikation zur automatischen Routine, aber selbst dann bewahrt die Kulturtechnik eine Spur der Herkunft. Das Buch in Anne Tylers erstem Buch ist auch eine unaufdringliche Leitmetapher für die Handlung des Romans: Ben Joes Heimkehr ins Elternhaus ist der absurde Versuch, die naturgegebene Entwicklungsrichtung seines Lebens umzudrehen.

          Eine Kindheit hinter dem Buchrücken

          Anne Tyler war erst 22 Jahre alt, noch nicht einmal so alt wie ihr Protagonist, als Knopf, einer der wichtigsten Verlage der Vereinigten Staaten, diesen ersten ihrer bislang 23 Romane herausbrachte. Später hat sie erzählt, sie habe ihre Kindheit gehasst und hauptsächlich damit verbracht, hinter einem Buch zu sitzen und auf die Ankunft des Erwachsenenalters zu warten. Ihre Eltern waren Quäker und zogen die Kinder in verschiedenen Kommunen auf, künstlichen Großfamilien, die alternative Formen des Zusammenlebens ausprobierten. Zur antisozialen Selbstgenügsamkeit gehörte die Rationierung des Lesestoffes. Anne musste sich ihre eigenen Bücher ausdenken, als sie das Bilderbuch „The Little House“ von Virginia Lee Burton oft genug gelesen hatte.

          2016 erschien in der Serie von Shakespeare-Adaptionen berühmter Schriftsteller des Verlags Hogarth Press „Vinegar Girl“ (deutsch im gleichen Jahr bei Knaus: „Die störrische Braut“), Anne Tylers Umarbeitung von „Der Widerspenstigen Zähmung“. Kate Battista lebt mit 29 Jahren noch bei ihrem verwitweten Vater und der fünfzehnjährigen Schwester, denen sie den Haushalt führt. Vom College relegiert, weil sie Widerworte gegeben hat, arbeitet sie als Kindergärtnerin, obwohl sie Kinder hasst beziehungsweise, wie sie sich mit wissenschaftlicher Präzision ausdrückt, nicht alle Kinder liebt. Ihr Vater, ein Biologieprofessor ohne Studenten (also ein kinderloser akademischer Vater), geht ihr mit dem Einfall auf die Nerven, dass sie mit seinem genialen Laborassistenten Pjotr eine Scheinehe eingehen soll, damit das Visum des Russen verlängert werden kann. Kate zieht sich mit einem Buch zurück, einem Buch, das sie schon einmal gelesen hat. Dieses Zeichen ist zweideutig: Sie kommt nicht voran, aber sie bleibt sich treu.

          Der Autor ist Stephen Jay Gould. Mit dem Namen des 2002 verstorbenen Paläontologen deutet Anne Tyler an, mit welchem Kunstgriff es ihr gelungen ist, die in jeder Aufführung des Shakespeare-Stücks hoffnungslos anachronistisch wirkende Sozialfigur der „shrew“, der unverheirateten Frau, die durch Selbständigkeit zu verkümmern droht, in einem realistischen Ambiente zum Leben zu erwecken. Der Professorenhaushalt, den der Vater methodisch organisiert hat und deshalb vernachlässigen zu können glaubt, ist ein aus der Zeit gefallenes Biotop, eine Welt für sich nach dem Modell der Galápagos-Inseln. Gould betont in seiner Variante von Charles Darwins Evolutionstheorie, dass es nach langen Gleichgewichtsperioden plötzliche Veränderungen geben kann. So ergeht es Kate mit Pjotr.

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