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Else Lasker-Schüler zum 150. : Fernab der Stiefwelt

Else Lasker-Schüler Bild: Getty

Aufgelebt, und wie: Else Lasker-Schüler wäre an diesem Montag 150 Jahre alt geworden. Eine Leipziger Tagung fragte nach ihrem Verhältnis zu Palästina, der „Sternwarte ihrer Heimat“.

          Else Lasker-Schüler hat das Ende des Zweiten Weltkriegs und damit das Ende des Regimes, das sie aus Deutschland vertrieb, knapp nicht mehr erlebt; sie starb am 22. Januar 1945 in Jerusalem. Etwa vier Monate danach schrieb ihr dortiger Arzt Adolf Wagner, wie die Dichterin aus Deutschland dorthin geflohen, über seine Patientin und Freundin: „Von Palästina war sie schwer enttäuscht. Zu mir sagte sie: ‚Israeliten nennen sie sich, Misraeliten sind es.‘“ Ob Wagner hier wörtlich zitierte, wird nie mehr festzustellen sein, aber das Wortspiel passt zu Lasker-Schüler, die sich in Gedichten, Prosa und Theaterstücken als die originellste deutsche Schriftstellerin der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erwies.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aber empfand sie sich jemals mehr als deutsche Schriftstellerin denn am Lebensende als „Israelitin“? Ihr Biograph Jakob Hessing zweifelt daran und erkennt in der heute vor 150 Jahren in Elberfeld geborenen Tochter einer jüdischen Familie jemanden, der sich der sonst unter deutschen Juden damals verbreiteten Assimilation verweigerte. Das führte sie bis nach Palästina, wenn auch gezwungenermaßen, denn dass sie dort ihre letzten Jahre verlebte, lag daran, dass ihr eigentliches Exilland, die Schweiz, Lasker-Schüler nach ihrer dritten Palästina-Reise 1938 nicht mehr zurückkommen ließ, weil die Nazi-Regierung der Schriftstellerin die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen hatte. So zwang ausgerechnet das NS-Regime Else Lasker-Schüler zum Leben in jenem Land, das sie in ihren Werken immer wieder verherrlicht hatte – anfangs noch, ohne dort gewesen zu sein.

          Trotzdem, so vermutet Hessing, wäre die Exilantin nach Kriegsende aus Jerusalem wieder nach Europa zurückgekehrt, denn in ihrem Buch „Das Hebräerland“, 1937 zwischen der ersten und zweiten Palästina-Reise erschienen, sprach sie von ihrem Domizil im Heiligen Land als „Gasthaus“, nicht als Heimat, von der Rückreise in die Schweiz dagegen als „Heimkehr“.

          Mit diesem Hinweis setzte Hessing so etwas wie einen bewussten Missklang bei seinem Festvortrag zu einer Tagung, die jetzt zu Ehren von Else Lasker-Schülers 150. Geburtstag in Leipzig ausgerichtet wurde und als Titel eben „Das Hebräerland“ wählte. Die große Lobsängerin eines imaginierten Palästinas, in dem sie die Heimat „meines Volks“ – so der Titel einer ihrer „Hebräischen Balladen“, die Jakob Hessing gerade erst für diese Zeitung interpretiert hat – erkannte, hatte denn doch nicht daran gedacht, sich im realen dauerhaft niederzulassen. Wobei es in „Das Hebräerland“ so etwas wie eine Vorahnung ihrer eigenen Zukunft gibt: „Ich lebte hier in Palästina in drei Welten“, schrieb sie darin über ihren ersten Aufenthalt 1934. „Mit sanften Gedanken noch in der mir liebgewordenen Stiefwelt Europa, mit Herz und Seele aber in der Palästinawelt, die nicht von dieser Welt; so streifte ich auch schon die jenseitige.“ 1945 sollte sie die Grenze zu dieser dritten übertreten.

          Aus dem Geiste der „wilden Juden“

          Ein großes Geburtstagsfest will vorbereitet sein. Die „Hebräerland“-Konferenz wurde von Dieter Burdorf (Universität Leipzig) und Nicolas Berg (Dubnow-Institut Leipzig) vor vier Jahren geplant, und das Ergebnis ließ nun keine Wünsche offen. Einmal angesichts des Publikumsinteresses – bei einem öffentlichen Gespräch von Joachim Kalka mit Thomas Sparr über dessen im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Grunewald im Orient“ zum von deutschen Emigranten bevorzugt bezogenen Jerusalemer Stadtteil Rechavia, wo auch Lasker-Schüler ihre letzten vier Jahre verbrachte, platzte der Veranstaltungsort, das Haus des Buches, aus allen Nähten – und dann angesichts der vortragenden Wissenschaftler. Neben Hessing war aus Israel Itta Shedletzky angereist, die Herausgeberin der Historisch-Kritischen Lasker-Schüler-Ausgabe, so dass die beiden prominentesten Experten vertreten waren. Dazu kamen exzellente jüngere Kenner aus Deutschland, der Schweiz und Belgien. Lasker-Schülers Texte finden wieder vermehrt Aufmerksamkeit, nachdem sie lange unter Kitschverdacht standen. Mittlerweile sind sie als zentraler Bestandteil einer anderen, einer wilden literarischen Moderne anerkannt, geboren „aus dem Geiste der ‚wilden Juden‘“, wie Vivian Liska das von Lasker-Schüler in den jüdischen Einwanderern nach Palästina gefundene Vorbild bezeichnete.

          Mitveranstalter in Leipzig waren das Rosenzweig-Forschungszentrum an der Hebräischen Universität Jerusalem und das Deutsche Literaturarchiv Marbach, aber die eigentliche Durchführung wurde vom Dubnow-Institut geleistet, das die Tagung als seine Jahreskonferenz deklariert hatte. Nach der letztjährigen Aufnahme dieser 1995 gegründeten Einrichtung in den Forschungsverbund der Leibniz-Institute war es die erste Großveranstaltung, und ihre Qualität lässt das Schönste für die Zukunft erwarten. Die Handschrift von Yfaat Weiss, nach Dan Diner und Raphael Gross dritte Direktorin des Dubnow-Instituts, wird sichtbar: intensive Arbeit in den Archiven und theoretisch avancierte Analyse nach dem Vorbild des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, aber mit klarem Fokus auf jüdische Geschichte und Kultur.

          Typus der deutsch-jüdischen Palästina-Dichtung

          Else Lasker-Schüler bot für dieses Konzept eine hervorragende Basis, denn ihr „Hebräerland“ repräsentiert einen Typus der deutsch-jüdischen Palästina-Dichtung, der in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vielfach im Schwange war. So bettete die Konferenz zwischen zwei ganz Lasker-Schülers Texten gewidmeten Tagen einen dritten ein, der anderen jüdischen Autoren und deren Palästina-Bildern gewidmet war, einige davon gute Freunde von Lasker-Schüler wie Arthur Holitscher, Hugo S. Bergmann, Werner Kraft und Gerson Stern, andere prominente Kollegen wie Karl Wolfskehl oder Arnold Zweig. Dieter Burdorf hatte zum Konferenzauftakt daran erinnert, dass neben dem von Lasker-Schüler noch drei weiterer 150. Geburtstage prominenter jüdischer Exilanten in diesem Jahr zu gedenken ist: Wolfskehls, Holitschers und dem von Felix Salten, der auf der Tagung nur eine Nebenrolle spielte. Diese „Generation von 1869“ (Burdorf) hatte auf die Desillusionierungen von gescheiterter Assimilation und NS-Terror in einem Alter zu reagieren, das ihr nicht mehr viel Kraft dazu ließ.

          Else-Lasker-Schüler-Denkmal von Stephan Huber in Wuppertal

          Umso bemerkenswerter ist das Spätwerk von Else Lasker-Schüler im Schweizer und Jerusalemer Exil, das Magnus Klaue vorstellte und dabei dessen „wirklichkeitsformende Phantasie“ herausstellte, die es gegenüber aller anderen Palästina-Dichtung heraushebt. Julia Ingold wiederum analysierte Lasker-Schülers Gebrauch der Arabeske (auch ein Lieblingswort in ihrer Lyrik) als lebenslanges schriftstellerisches Prinzip, wie es sich prägnant bereits im frühen „Lied des Gesalbten“ (1901) findet, etwa in dessen programmatischer Anweisung: „die Schwermut, die über Jerusalem trübt, / mit singenden Blütendolden umkeimen“. Orientalismus war für Lasker-Schüler kein Hemmnis, sondern Befeuerung ihres Schreibens, wie auch Yvonne Al-Taie in einer Untersuchung des „Hebräerland“-Textes auf arabische Motive feststellte.

          Die bereits zitierte Einschätzung Europas als „Stiefwelt“ lässt die wachsende Entfremdung Lasker-Schülers nach dem Tod ihrer Eltern, ihres einzigen Kindes und schließlich der deutschen Heimat ahnen, die Shedletzky in den Begriff der „Hauslosigkeit“ fasste. Jan Bürger sah dann „Das Hebräerland“ mit dessen religiöser Überhöhung Jerusalems als „verstörend in seiner Euphorie und seinem Optimismus“ an und stellte fest, dass man auf der Tagung doch lange einen Bogen um den titelgebenden Text gemacht habe.

          Das stimmte, aber es war Resultat einer Programmchoreographie, die in Leipzig unter Bezug auf Lasker-Schülers Sprache und Vorbildfunktion eine ganze Exilwelt im Heiligen Land zum Tanzen und damit wieder ins Leben gebracht hat. In ihrer 1921 publizierten Erzählung „Der Wanderrabiner von Barcelona“ nannte die Dichterin „Palästina nur die Sternwarte ihrer Heimat“. Doch was heißt da „nur“, wenn sie später von dort aus des Himmels ansichtig werden konnte, wie sie es im „Hebräerland“ beschrieb: „Jerusalem ist überall zwischen uns Menschen im Leben und im Tod.“

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