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Nachbemerkung zu Stefan George : Der Dichter als Gedenkstörung

Stefan George, aufgenommen Mitte der zwanziger Jahre Bild: Picture-Alliance

Was passiert, wenn ein Lyriker sich die Phantasie an der Macht vorstellen kann? Nachbemerkungen zu Stefan George, der Doppeldeutigkeit von Faszination und einem abgesagten Festakt zum Geburtstag des Dichters.

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          Er war ein Exzess, ein Schauspieler, eine Sucht nach Schönheit, eine Gewalttat, eine Verführung, ein Karneval. Von Stefan George, der vor 150 Jahren nahe Bingen zwischen Rhein und Nahe geboren wurde, gibt es die schönsten Gedichte und die schrecklichsten, die missglücktesten Verse und die wundervollsten. Sein lyrisches Werk hat vielleicht mit dem Brechts die größte Amplitude unter den Dichtern deutscher Sprache. Er hat Worte dieser Sprache wiedererinnert oder alterfunden („umfahen“, „ergehren“, „bedäucht“) und zu ihr hinzugefügt („südenklare luft“, „fant“, „stillgebete“, „wellenauen“, „klangdraht“). Als Bub hat er sich eine ganze Geheimsprache ausgedacht, in die er sogar den ersten Gesang der „Odyssee“ übersetzt haben soll. Das merkwürdige, paradoxe Verlangen, über eine Sprache allein zu gebieten, hielt sich in seinem Werk.

          Georges Gedichte sind auch darum, weil sie eine komplette Sprachwelt ausfüllen sollen, ja, weil sie nachgerade das Sprechen nachahmen, voll eigener Gesten, Farben, Geräusche. Sie sind unvergessliche Hörbilder: „Weisse kinder schleifen leis / Überm see auf blindem eis“. Sie sind antibürgerliche Appelle: „Nun weihe jede lust und jeden mord!“ Sie sind Trostgesänge: „Entflieht auf leichten kähnen berauschten sonnenwelten / daß immer mildre tränen euch eure flucht entgelten. / Seht diesen taumel blonder, lichtblauer traumgewalten / und trunkner wonnen sonder verzückung sich entfalten.“ Sie können hoch- und übermütig sein, wenn etwa der entlaufene Katholik 1893 ein Marienbildnis anredet: „Frau vom guten rat! / Wenn ich ohne sünde / Deine macht verkünde / Schenkst du mir worum ich lange bat?“ Sie enthalten hundertfach Posen angemaßter Herrschaft und Größenphantasien: „Ich bin der Eine und bin Beide / der zeuger und der schoss / Ich bin der degen und die scheide / Ich bin das opfer und der stoss“.

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