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Dichter Adonis zum 90. : Ewige Wiederkehr

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Adonis, bei der Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt im Jahr 2011. Bild: Michael Kretzer

Der syrisch-libanesische Dichter Adonis zählt zu den wichtigsten Stimmen aus der arabischen Welt. Häufig wurde er für seine Haltung zum Bürgerkrieg in Syrien kritisiert. Heute wird er neunzig Jahre alt.

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          „Ich komme aus der Zukunft“, hatte der 1930 geborene syrisch-libanesische Dichter Adonis Anfang der siebziger Jahre während einer Vorlesung in New York gesagt. An seinem neunzigsten Geburtstag, den er am 1. Januar feiern darf, müssen wir ihm zugestehen, dass er recht hatte: Für Adonis (mit bürgerlichem Namen Ali Ahmad Said Esber) ist das Älterwerden eine langsame Heimkehr, um einen Buchtitel seines Freundes Peter Handke zu zitieren.

          Hätte an dessen statt, wie viele gehofft haben, Adonis den Nobelpreis bekommen, hätte es freilich ebenfalls Proteste gegeben: Seine Haltung zum Bürgerkrieg in Syrien und zum Regime von Baschar al Assad ist vielen oppositionellen Syrern nicht eindeutig genug. Ein Regime-Anhänger ist Adonis zwar nicht; aber er hat nie an den Erfolg der Revolution geglaubt, anders als viele der jüngeren Generation. Heute müssen wir zugestehen: Der Ältere hat sein Land besser gekannt. Er wusste, wie die Zukunft aussieht, weil er die Vorvergangenheit kennt.

          Aufgewachsen noch in der französischen Mandatszeit, ausgebildet in einer Koranschule im alawitischen Küstengebirge und in der französischen Laienmission von Lattakia, wurde er Zeuge, wie Syrien unabhängig wurde, und nahm an den ersten Kämpfen um die Identität des neuen Staates teil. Er schloss sich der „Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei“ von Antun Saadah an, die einen großsyrischen Einheitsstaat propagierte. Die Mandatsgebiete, also die heutigen Staaten Israel, Libanon, Syrien und Jordanien, sollten zu einer Art Neuphönizien mit mediterraner Ausrichtung vereinigt werden.

          Aussagegehalt ist hoch 

          So weltfremd diese Idee anmutet, angesichts des gegenwärtigen Zusammenbruchs der politischen Ordnungen im Nahen Osten schimmert ihr utopisches Potential allmählich wieder auf.

          Zwischenzeitlich inhaftiert, ging Adonis Mitte der fünfziger Jahre in den Libanon und schloss sich dem Kreis um die Avantgarde-Literaturzeitschrift „Shi’r“ (Dichtung) an. Mit der Publikation des Bandes „Die Gesänge Mihyârs des Damaszeners“ im Jahr 1961 wurde er berühmt. Der arabische Dichter wandelte darin auf den Pfaden Nietzsches; Mihyâr ist ein muslimischer Zarathustra, der auch den Tod Gottes verkündet: „Heute habe ich das Trugbild des Samstags / Das Trugbild des Freitags verbrannt /. . . und ersetzte den Gott der sieben Tage / Durch einen toten Gott.“

          Freilich: Um Götter glaubhaft zu stürzen, braucht man Propheten, die neue verkünden. Die Kunst von Adonis bestand fortan darin, auf dem zum Zerreißen gespannten Seil zwischen dem Dichter-Seher, der Autorität beansprucht, und dem Ikonoklasten, der Autoritäten stürzt, über den Abgrund der Bedeutungslosigkeit zu balancieren.

          Hoffnungsvolle Pointe

          Sufismus (arabische Mystik) und Surrealismus, deren Verwandtschaft Adonis in mehreren Essays beschworen hat, waren mit einer ähnlichen Problematik konfrontiert. Adonis beruft sich auf sie; seine Gedichte sind ähnlich hermetisch und paradox. Viele arabische Leser finden sie schwierig, verkopft – doch genau dies macht, dass sie gut in westliche Sprachen zu übertragen sind. Ihr Aussagegehalt ist hoch. Auch die Anschläge vom 11. September 2001 in New York hatte Adonis bereits dreißig Jahre zuvor geahnt und dichterisch vorweggenommen. In ein „Grab für New York“ (1971) heißt es: „Ich vernehme eine Erschütterung, einen Einschlag . . . / Der Wind weht ein zweites Mal aus dem Osten, / er entwurzelt die Zelte der Beduinen ebenso wie die Wolkenkratzer.“

          Einer der jüngsten Texte von Adonis steht in der Anthologie „Ein neuer Divan“ (Suhrkamp, 2019). Es ist ein poetischer „Brief an Goethe“. Er endet: „Die Mythen sind verwundet, im Osten wie im Westen, und ich bin nur das Blut, das abtropft.“ Was auf den ersten Blick verzweifelt klingt, enthält eine hoffnungsvolle Pointe. Sie führt in die vorgeschichtliche Tiefe der „verwundeten Mythen“ und bringt den Namen des Dichters zur Geltung, der sich in seiner Jugend in bewusster Anspielung auf den antiken Mythos „Adonis“ nannte.

          Der besagt, dass Adonis von dem in einen Eber verwandelten Ares, dem Geliebten der Aphrodite, aus Eifersucht getötet wird. Aus seinem Blut, das in den letzten Versen des „Briefs an Goethe“ „abtropft“, wachsen Blumen, entstehen Schönheit und neues Leben. Der Zusammenbruch der Identitäten von Ost und West, der Verlust der Orientierung ist nur der Preis für Wiederauferstehung und Neuanfang. Wenn die Geschichte dem alten Wiederauferstehungsmythos gleicht und einen Kreis beschreibt, ist die Vergangenheit immer auch die Zukunft, in welcher Adonis längst gewesen ist.

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