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Buchpreis für Saša Stanišić : „Ich feiere eine Literatur, die die Zeit beschreibt“

Saša Stanišić ("Herkunft"), aus Bosnien stammender Autor, erhält den Deutschen Buchpreis 2019 und nimmt nach der Verkündung seine Freundin Katja Sämann in den Arm. Bild: dpa

In seiner Dankesrede kritisiert der in Bosnien geborene Schriftsteller Saša Stanišić die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke. Dessen Texte über Jugoslawien sieht der Autor als vergiftet an.

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          „Mich erschüttert, dass so etwas prämiert wird.“ Saša Stanišić meinte an diesem Montagabend bei seiner Dankesrede für die Verleihung des diesjährigen Deutschen Buchpreises natürlich nicht sein eigenes Buch „Herkunft“, das gerade im Frankfurter Kaisersaal als Siegertitel verkündet worden war. Seine Worte richteten sich gegen die Vergabe des Literaturnobelpreises 2019 an Peter Handke: Diesen Preis habe einer bekommen, der, so Stanišić, die Freude über die eigene Auszeichnung getrübt habe. „Deshalb möchte ich die Öffentlichkeit nutzen, um mich ein bisschen zu echauffieren.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es war mehr als „ein bisschen“. Saša Stanišić sprach mit der Autorität eines Mannes, der 1978 im bosnischen Visegrad geboren wurde und 1992 mit seiner aus einer muslimischen Familie stammenden Mutter aus der Heimat fliehen musste, weil ihnen von den serbischen Invasoren der Tod drohte. Darüber erzählt „Herkunft“, und auch über die Ankunft in Deutschland und das dortige Einleben bis hin zum Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft durch Stanišić im Jahr 2008. Seine Eltern – der Vater war später nachgekommen – durften da schon nicht mehr in Deutschland leben, sie hatten das Land wieder verlassen müssen.

          „Dass ich hier stehen darf“, sagte der von einer Schilddrüsenentzündung geschwächte, aber kämpferisch gestimmte Stanišić im Kaisersaal, „verdanke ich einer Wirklichkeit, die bei Handke nur noch aus Lüge besteht – das soll Literatur eigentlich nicht.“ In einem Text, den Handke über Stanišićs Heimatstadt Višegrad geschrieben habe, seien die serbischen Verbrechen gar nicht vorgekommen, ja angezweifelt worden. „Ich stehe hier, um eine andere Literatur zu feiern: die anderen fünfzig Prozent Nobelpreis, ich feiere Olga Tokarczuk“, deren Bücher nicht zynisch, nicht verlogen seien. „Ich feiere eine Literatur, die die Zeit beschreibt, und die Zeit ist so, wie Peter Handke sie beschreibt, in Bosnien nie gewesen.“ Der Beifall des Publikums im Saal nach diesen Worten war riesig und hielt lange an.

          Beziehung zwischen Werk und Autor

          Stanišićs Dankesrede ist zweifellos die politischste, die ein Gewinner des Deutschen Buchpreises bisher gehalten hat. Sie wirft auch die Frage auf, wie Literatur zu bewerten ist, indem sie die Wahrhaftigkeitsfrage übergreifend stellt. Für Stanišić ist die Wahrhaftigkeit eines schriftstellerischen Werks nicht von der der Person eines Autors zu trennen. Die Nobelpreisjury hat anders argumentiert; für sie zählte nur das belletristische Werk. Mit den Rechtfertigungsaufsätzen Handkes für die serbische Seite in den Jugoslawienkriegen sieht Stanišić aber auch die fiktionale Literatur des neuen Literaturnobelpreisträgers vergiftet. Aus dieser Feststellung könnte sich eine grundlegende Debatte entwickeln. Schon damit hat Stanišić dem Deutschen Buchpreis einen großen Dienst erwiesen – und wohl auch der Literatur als solcher. Denn wie auch immer man zu dieser Frage steht, die Zeiten haben sich geändert, in der es einfach war, zwischen Realität und Ästhetik zu trennen.

          Der Deutsche Buchpreis für „Herkunft“ ist auch deshalb ein Glücksfall, weil er ein ästhetisch hochanspruchsvolles Werk voller formaler Kunstgriffe auszeichnet, das zugleich so realitätsgesättigt ist wie noch kein anderes prämiertes Buch zuvor. Es ist auch der erste Gewinnertitel in der Geschichte des Deutschen Buchpreises, der nicht erst im Herbst des Nominierungsjahrgangs  erschienen ist, sondern schon im Frühling. Bislang hatten sich die jährlich wechselnden Jurys immer für den Reiz der Frische von Romanen entschieden, die gerade erst einige Wochen alt waren. „Herkunft“ ist nicht einmal als Roman ausgewiesen, es hätte also durchaus Einwände gegen seine Nominierung geben können. Dass sie unterblieben, zeigt auch, wie überzeugt die Jury von dem Buch gewesen sein muss.

          Es ist zweifellos der hochverdiente Preisträger unter den sechs Titeln der Shortlist, die außerdem noch Raphaela Edelbauers „Das flüssige Land“, Miku Sophie Kühmels „Kintsugi“, Tonio Schachingers „Nicht wie ihr“, Norbert Scheuer „Winterbienen“ und Jackie Thomaes „Brüder“ umfasste. Saša Stanišić erhält als Gewinner 25.000 Euro, die anderen Finalisten erhalten jeweils 2500. Große Aufmerksamkeit hatte „Herkunft“ schon zuvor gefunden; es stand mehrfach auf den Bestsellerlisten. Dass jetzt mit dem publikumswirksamen Deutschen Buchpreis noch mehr Menschen dieses Buch lesen werden, ist überaus erfreulich.

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