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Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung : Man wird, was man liest

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Selten leuchtete die Akademie heller als im Licht der Preisträger dieses Jahres: Walter Kappacher nahm den Büchner-Preis entgegen Bild: dpa

Die Urbegegnung mit Literatur, ob in der Schule oder anderswo, ist kein Luxus, sondern sie hält Antworten bereit auf die brennende Frage, wie man wurde, was man ist: Die Deutsche Akademie verleiht ihre Preise.

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          Stellt man sich die gesammelten Werke aller bisherigen und der gut hundertachtzig derzeitigen Mitglieder als eigene Bibliothek vor, hat man es bei der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wahrlich mit einer Tankstelle der Literatur zu tun, die von allen geistig Motorisierten angezapft gehört. Die vielen leer gebliebenen Plätze bei der diesjährigen Verleihung des Büchner-Preises im Staatstheater Darmstadt bestätigten indes eher, dass die Solidarität von Leser und Buch zu einer immer einsameren Angelegenheit wird. Die größte Aufgabe, vor die sich die Akademie in ihrem sechzigsten Jahr gestellt sieht, ist also keine interne; ohne Verrenkungen hat sie sich verjüngt, und der gelassene, offene und konzentrierte Umgang ihrer Mitglieder quer über Auffassungen, Wissensgebiete und Generationen hinweg deutet darauf hin, dass die Zeit der Fraktionen und Friktionen vorüber ist.

          Die Schwierigkeit besteht darin, die Arbeit der Akademie nicht nur nach außen zu spiegeln, sondern ihr öffentliche Relevanz zu verleihen. Die neue Losung, die der Präsident Klaus Reichert in seiner Begrüßung ausgab, lautet „Spracherziehung“. Künftig will die Akademie regelmäßig einen „Bericht zur Sprache der Nation“ vorlegen. Zudem will sie sich der Sprache in den Schulen, zumal in den Schulbüchern, widmen, um die „Literalität als Fundament der Identitätsbildung“ zu stärken. Wie man indes gerade in diesem, von den schwer belehrbaren Kultusministerien der Länder besetzten Bereich darauf einwirken will, dass an den Schulen wieder Texte gelesen werden, die sich nicht bloß pädagogisch, sondern durch ihre literarische Qualität empfehlen, blieb offen.

          Dass die Urbegegnung mit Literatur, ob in der Schule oder anderswo, kein Luxus ist, sondern Antworten bereithält auf die brennende Frage, wie man wurde, was man ist, bewiesen die Lob- und Dankreden. Selten herrschten bei der Verleihung des wichtigsten deutschen Literaturpreises solche Unbedingtheit, solcher Drang nach Klarheit und so viel Temperament, ja, man konnte den - in dieser Umgebung geradezu revolutionär anmutenden - Eindruck gewinnen, die Sprecher richteten sich nicht allein an die in Darmstadt zusammengekommenen happy few, also nicht nur an die dem Prinzip Skepsis verpflichteten Mitstreiter der Akademie, sondern tatsächlich an jeden mit einem Funken Interesse an Literatur, Dichtung und Wissenschaft. In Zeiten, da diese Disziplinen sich in der Defensive wähnen, kam die Veranstaltung einer Offensive gleich.

          Selten leuchtete die Akademie heller

          Walter Kappacher, dem Paul Ingendaay, Spanien-Korrespondent des F.A.Z.-Feuilletons, mit seiner leidenschaftlichen und sehr persönlichen Laudatio (siehe auch: Paul Ingendaays Lobrede auf den Büchner-Preisträger Walter Kappacher) eine Heerschar neuer Leser zugetragen haben dürfte, erzählte von den beengten Salzburger Verhältnissen seiner Kindheit („Aus unseren Fenstern waren keine Chopin-Konzerte zu hören gewesen“). Erst als junger Mann und nach dem Umweg über eine Motorradwerkstatt fand er in der Literatur „ein Dach über dem Kopf“. Kappacher, der sich keinen Schriftsteller „ohne Vorbilder“ vorstellen kann, zog seine genealogische Lektürelinie von Dostojewskij über Kafka und Stifter bis zu Büchner. Die vielsagendsten Bekenntnisse aber versteckten sich, ganz nach der feinen Art dieses diskreten Autors, in den Randbemerkungen. So sagte Kappacher über Hofmannsthal, um den sein letzter Roman „Der Fliegenpalast“ kreist, „auch“ diesen habe „etwas Unerklärliches beinah heimatlos werden lassen“.

          Mit Stifter hielt er gegen die Erwartung, dass, anders als in der Natur, in der Kunst im Hauruck-Verfahren etwas Neues entstehen könne. Zerrissenheit, Zweifel und Suche erschienen hier als Errungenschaften einer literarischen Evolution. Schon Darwin hatte seine helle Forscherfreude an der Unzulänglichkeit, den Fehlern und Makeln der Natur. Julia Voss, Redakteurin im Feuilleton der F.A.Z., betonte in ihrer Dankrede zum Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (siehe auch: Julia Voss' Dankrede zum Sigmund-Freud-Preis), dass die erkenntnisfördernde Sprache Darwins eine der erzählenden Beobachtung und nicht der drastischen Zuspitzung war. Demnach fällt das verzerrte Darwin-Bild vor allem auf seine Leser wie Freud zurück, die darwinistischer waren als der Meister selbst.

          Auf die Kunst, einen anderen unsichtbaren Prozess, die verborgene Ordnung der Verse kenntlich zu machen, versteht sich Harald Hartung, Dichter und langjähriger Lyrik-Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In seiner Dankrede zum Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay erwies sich Hartung als jener „Lehrer der Lakonie“, als den Heinrich Detering ihn zuvor pries. Zwar sei man, „was man tut“, doch tadelte er eine Literaturkritik, die, angesteckt von einer Moderne, die „ihren intellektuellen Stachel verloren hat und bei den Dilettanten angekommen ist“, immer mehr zur Werbung verkommt. Anders als die „Romanindustrie“ brauche die zunehmend marginalisierte, dafür umso längerlebige Kunst der Dichtung Kritik als „Scheidekunst“: „Wer bei diesem Geschäft des Sammelns und Scheidens mittut, mag sich auf verschämte Weise als fromm empfinden. Er leuchtet nicht selbst, doch er sammelt Licht oder doch den Widerschein von Licht.“ Selten leuchtete die Akademie heller als im Licht dieser Preisträger.

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