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Starautor Truman Capote : Nur nicht langweilen!

Die Party des Jahrhunderts: Am 28. November 1966 lud Truman Capote zum „Black and White Ball“ ins New Yorker „Plaza“. Wer kommen durfte und wer nicht, beschäftigte das ganze Land. Bild: Elliott Erwitt/Magnum

Vor neunzig Jahren kam er zur Welt, vor dreißig Jahren starb er. Dazwischen tat der amerikanische Starautor Truman Capote alles dafür, seine Tage und Nächte so federleicht und elegant zu machen wie seine Sätze. Das hat ihn ruiniert.

          5 Min.

          Die folgende Geschichte über den amerikanischen Schriftsteller Truman Capote stammt von Gore Vidal, und weil Vidal für Capote so etwas war wie Professor Moriarty für Sherlock Holmes, also der schlimmste Widersacher bei größtmöglicher Seelenverwandtschaft, könnte sie vielleicht auch gelogen sein, jedenfalls geht sie so:

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach einem Lunch bei einer gemeinsamen Freundin, irgendwann im Sommer 1960, nahm Jackie Kennedy, die bald die First Lady der Vereinigten Staaten werden sollte, Truman Capote in ihrem Wagen mit nach Hause. Capote, so Jackie Kennedy, so Gore Vidal, habe beim Lunch mal wieder nur skandalöses Zeug über abwesende Angehörige der oberen amerikanischen Zehntausend von sich gegeben. Im Wagen habe er dann aber theatralisch geseufzt und gesagt: „Sie haben ja gesehen, wie ich für mein Essen gesungen habe.“

          Am 25. August vor dreißig Jahren ist Truman Capote gestorben, am 30. September vor neunzig Jahren wurde er geboren. Jahrgang 1924 also. Drei Jahre älter, beispielsweise, als Günter Grass und Martin Walser, zwei als Siegfried Lenz, wobei er mit denen nur gemeinsam hat, dass sie auch Bücher geschrieben haben - ansonsten ist Truman Capote, als Schriftsteller, kaum mit anderen Schriftstellern zu vergleichen, erst recht nicht mit denen, die auf Deutsch schreiben.

          Poetische Wahrheit, die sich im Stil offenbarte

          Denn er formte seine Geschichten nicht um Thesen. Er glaubte nicht an lange Sätze. Er wollte von ganzem Herzen kein Intellektueller sein. Er hatte kein Anliegen, aber Zugang zu einer höheren poetischen Wahrheit, die sich im Stil offenbarte. Oder doch, Truman Capote hatte ein Anliegen: nämlich sich nie zu langweilen oder selbst langweilig zu sein. Sein Leben und sein Werk, das war wie in dem Refrain eines alten Songs von den Pet Shop Boys: „And we were never being boring / We were never being bored / ’cause we were never being boring / We were never being bored.“

          Capote war ein Kind des amerikanischen Südens, seiner herrlichen Farben und spätabendlichen Hitze und schwelenden Konflikte, er schrieb das Leben, das wirkliche, das überhaupt gelebte, in einer Radikalität in seine Bücher hinein, dass man nicht nur einen neuen Gattungsbegriff für seinen Tatsachenthriller „Kaltblütig“ (1966) erfinden musste, nämlich „faction“, halb fact, halb fiction: Diese Radikalität war es auch, die Capote am Ende zerstört hat.

          Weil sie auf Kosten der Figuren ging, deren gelebtes Leben er beschrieb, oft brutal und gemein, und die ihm diese Gemeinheit nicht verzeihen konnten. Und ihn danach nicht mehr in ihre Welt ließen, zu ihren Dinnerpartys und auf ihre Landsitze. Vorher hatte er dort für sie gesungen, so laut er konnte.

          Ihn zu lesen, macht ständig sehr glücklich

          In diesem Jubiläumssommer erscheinen neue, alte Bücher von und über Truman Capote. Der Züricher Verlag Kein & Aber, der seit Jahren schon das gesammelte Werk in wirklich schönen Bänden neu auflegt, hat alle Erzählungen Capotes als Taschenbuch nochmals herausgebracht, ergänzt um eine Story aus dem Nachlass, die erst im vergangenen Jahr entdeckt wurde; Rogner & Bernhard hat endlich George Plimptons vielstimmige oral history „Truman Capotes turbulentes Leben, kolportiert von Freunden, Feinden, Bewunderern und Konkurrenten“ von 1997 übersetzt.

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