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Javier Marías zum Siebzigsten : Zurück in den eigenen Kopf

Schöpfer magischer Innenwelten: Javier Marías Bild: juergen-bauer.com

Der Roman „Mein Herz so weiß“ war vor fast dreißig Jahren sein größter Erfolg in Deutschland. Doch ein Mann der Vergangenheit ist der eigensinnige spanische Schriftsteller Javier Marías nicht, im Gegenteil.

          2 Min.

          Er ist eigensinnig und loyal bis zur Sturheit. Er hasst den Lärm der Hauptstadt und wohnt doch mitten im Herzen Madrids. Sein Schreiben erkennt man schon nach wenigen Zeilen, und es ist mit einiger Gewissheit das beste literarische Spanisch, das auf der Iberischen Halbinsel geschrieben wird. Deshalb wird der Schriftsteller Javier Marías es nicht nur verschmerzen, dass manche seiner Bücher in Deutschland weit hinter dem Erfolg seines Bestsellers „Mein Herz so weiß“ (1992, Deutsch 1996) zurückgeblieben sind – er könnte die neue Exklusivität sogar genossen haben. Denn er ist „his own man“, wie der anglophile Marías es selbst formulieren könnte, und er wird weiter sein Ding machen, solange es Schreibmaschinen gibt.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Im Ernst, Schreibmaschinen! Elektrische. Auf ihnen schreibt Marías seine weit ausgreifenden Romane. Ist er damit durch, überarbeitet er mit dem Stift und schickt danach einen dicken Packen Papier an seinen Verlag, der ihm seinerseits die Druckfahnen zur letzten Durchsicht schickt. Das Schreibgerät drückt seinen Umgang mit der Gegenwart aus: Sie ist nur von mäßigem Interesse, weil im Marías-Universum „die wesentlichen Konflikte gleich bleiben“, wie er uns vor vielen Jahren im Gespräch sagte. „Oder erinnern Sie sich“, fuhr er fort, „an den großen Telefonroman? Den großen Fernsehroman? Warum sollten wir dann annehmen, dass über das Internet große Romane geschrieben werden?“

          Seine bevorzugte Theorie über das Netz geht ungefähr so: Wo es früher den Dorfidioten gab, der sein wirres Zeug vor sich hinplappern durfte, ohne dass es jemanden gestört hätte, tun sich heute die Idioten des globalen Dorfs auf Chatforen zusammen und richten durch Schwarmblödheit echten Schaden an.

          Die weiteste, vielfältigste Landschaft

          Womöglich auch deshalb hält sich der Autor von den Social Media fern und rät in seinen Kolumnen für die Zeitung El País immer wieder zum Rückzug vom Geschnatter. Die „öffentliche Meinung“ jedenfalls, so schrieb er 2018, sei im Internet dank Bots, Manipulation und technischer Verzerrung kaum noch als Ausdruck einer wirklichen Gesellschaft zu erkennen, sondern ein Potemkinsches Dorf, im schlimmsten Fall ein Tyrann, der nicht zur Rechenschaft gezogen werden könne.

          Marías’ Bücher, von seinem frühen Meisterwerk „Der Gefühlsmensch“ (Deutsch 1992), in dem der typische Sound erstmals erklingt, bis zu seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman „Berta Isla“ (2019), spielen gewissermaßen auf der anderen Seite des Mondes: dort, wo Menschen unwiderruflich allein mit sich selbst sind, ihren Dämonen lauschen, wo sie über Mitgehörtes reflektieren, wo sie einander belauern, um dem anderen Geheimnisse abzujagen, die sie ihrerseits, wären es ihre, um jeden Preis zu bewahren suchten. Es stimmt, allen Marías-Schauplätzen haftet etwas Artifizielles an, und sicherlich könnte man Madrid mit seinen Romanen in der Hand nicht einmal mit Bauklötzen nachstellen. Aber das Innenleben seiner Figuren liefert uns die weiteste, vielfältigste Landschaft: das eigene und privateste Ich. An diesem Montag wird Javier Marías siebzig.

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