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Martin Suter wird siebzig : Ein begnadeter Erfinder

Von ihm gibt es mehr als einen Bestseller: Martin Suter. Bild: dpa

In seinen Büchern sucht er mit feiner Ironie nach dem Wesen des Menschen und macht sich einen Reim auf das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Heute können wir Martin Suter zum Siebzigsten gratulieren.

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          Er ist aus den Bestsellerlisten nicht wegzudenken, seit zwei Jahrzehnten inzwischen. Da erschien 1997 sein erster Roman „Small World“, die Geschichte von Konrad Lang, den die Altersdemenz ereilt, vorübergehend. Aber dann doch nicht so, dass er aus der „großen“ Welt mit ihren Geheimnissen ausgeblendet werden könnte. Schon den Kern von Martin Suters erstem Erfolg bildet die für ihn typische Melange aus warmer Humanität und kühler Lakonie gegenüber menschlicher Gemeinheit. Immer wieder geraten seine Protagonisten in Situationen, mit denen sie, eben noch ganz normale Menschen, nicht rechnen konnten. Im Gespräch hat er das so auf den Punkt gebracht: „Es ist ein dramaturgisches Prinzip, es gibt gar nicht viele andere. Entweder verändert sich der Protagonist, und die Welt bleibt, wie sie ist. Oder die Welt verändert sich, und der Protagonist bleibt, wie er ist“ (F.A.Z. vom 27. August 2012). Es geht Suter um Identität.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wer bin ich?, muss sich fragen, wem Unvorhersehbares widerfährt. Wie vor zehn Jahren im Roman „Der letzte Weynfeldt“, wo der wohlgescheitelte Held, für den doch schon alles geregelt schien in unspektakulärer Routine, nicht nur in die Fänge einer aufregenden Frau gerät, die wie eine Wiedergängerin aus Weynfeldts Vergangenheit auftaucht, sondern gleich noch den Kunstmarkt und seine Machenschaften aushebelt – mit ungeahnt erwachten Energien, mit dem Lächeln des Siegers am Ende. In dem Thriller „Montecristo“ von 2015 widmet sich Suter der üblen Allianz zwischen staatlichen Interessen und verbrecherischer Finanzwirtschaft; die korrupte Realität hält Schritt mit seiner kühn konstruierten Fiktion. Zuletzt hat er in „Elefant“ die Auswüchse der mafiös betriebenen Gentechnologie aufgegriffen, die aus manipulierten Tieren Spielzeuge für Superreiche produzieren will – kommerzielle Pervertierung der Evolution.

          Dass seine Geschichten so wohlüberlegt gebaut sind, zudem so gründlich recherchiert in den verschiedensten Milieus, ist an ihnen tatsächlich schon moniert worden. Angekreidet wurde Suter die Beherrschung seines Handwerk, seine Genauigkeit als Autor. Die Gegenfrage ist entsprechend simpel: Welcher Schriftsteller, dem Erfolg beschert war und ist, hat seine Geschichten denn nicht bewusst konstruiert und erzählt? Über Personen, die sich verändern angesichts ihrer Existenzbedingungen. Mit menschenfreundlicher Mokanz und bewundernswerter sprachlicher Ökonomie gelingt Suter genau dieses Kunststück.

          Im Oktober ist zuletzt – nein, kein neuer Roman – das „Songbook“ (Diogenes Verlag/Universal Music, 36 Euro) erschienen. Entstanden ist es aus der Freundschaft Martin Suters mit dem Schweizer Chansonnier Stephan Eicher, für den er schon früher Texte geschrieben hat. Jetzt sind es auf Berndeutsch (oder Bärndütsch) gedichtete Lieder über die Dinge des Lebens, die Anwesenheit, das Weggehen, die Abwesenheit, die Wiederkehr. Zu den samtweich von Eicher auf der CD intonierten Liedern hat Suter für das „Songbook“ glitzernde kleine Prosastücke verfasst, die sich voller Ironie den „Bemühungen widmen, die Welt zu verstehen“, dabei nicht zuletzt das Rätsel Frau, wie sie nur langjährige Männerfreunde anstrengen können. Keine Heimatseligkeit, kein sentimentales Bekenntnis zur Scholle, es ist die melancholische Nutzbarmachung des speziellen Sounds, den die Mundart hergibt.

          Am 29. Februar 1948 ist Martin Suter in Zürich geboren. Heute also können wir ihm zum siebzigsten Geburtstag gratulieren.

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