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Christian Ahnsehl „Ofensetzer“ : Vom Gefühl, es wäre immer Winter

Seit 1989 verlassene Wohnung in Leipzig: Was bleibt, wenn Bewohner plötzlich die Flucht ergreifen? Bild: Matthias Lüdecke

Schon wieder ein Stasi-Roman, aber was für einer: Christian Ahnsehls „Ofensetzer“ erzählt von der Verstrickung eines jungen Mannes in eine alte Geschichte.

          3 Min.

          Christian Ahnsehl wurde 1985 im Alter von fünfzehn Jahren IM der DDR-Staatssicherheit. Er unterschrieb eine Verpflichtungserklärung und bekam den Auftrag, sich in einer kirchlichen Gemeinde seiner Heimatstadt Rostock umzusehen. Vorausgegangen war, dass er an die Mauer seiner Schule mit zerlaufender Farbe geschrieben hatte: „Steh auf“ und „Ich will Leben“, ein Skandal in der allüberwachten DDR. Was Ahnsehl nicht ahnen konnte: Der Stasi kam der Zwischenfall gerade recht, denn sie hatte ohnehin ein Auge auf den Jungen geworfen. Vater Genosse, Mutter in der Kirche – das passte. Ahnsehl fühlte sich zunächst geschmeichelt von der Aufmerksamkeit, die er da bekam, auf langen Autofahrten mit Gesprächen und bei Treffen in konspirativen Wohnungen. Aber schnell merkte er: Ich begehe Verrat. Nach neun Monaten ließ er die Termine mit seinem Führungsoffizier sausen, der Vorgang wurde eingestellt. Erst nach dem Ende der DDR holte seine Vergangenheit Ahnsehl wieder ein, auch die Akte samt Verpflichtungserklärung tauchte auf. Er nennt es „gruselig“.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ahnsehl ist Musiker und spielt in der – in Mecklenburg-Vorpommern sehr bekannten – Jazzband von Andreas Pasternack. Er komponiert, schreibt Texte, produziert, steht immerzu auf der Bühne und hat sich damit jene Träume erfüllt, die ihn schon als Fünfzehnjährigen umtrieben, als er von einer Gitarre und Udo Lindenberg schwärmte. Aus seiner Stasi-Geschichte hat er nun einen Roman gemacht. Für ihn war es ein Versuch, mit seiner Vergangenheit fertigzuwerden, jener furchtbaren Mischung aus Opfer und Täter. Es ist aber nicht einfach ein Bericht von dem, was er damals erlebte und beobachtete. Schon gar nicht ist es eine Rechtfertigung oder ein Erklärungsversuch, ein hundertster Aufguss von Stasi-Prosa. Sein Anspruch war ein literarischer.

          „Der Ofensetzer“ ist eine raffiniert gebaute Geschichte, ein Thriller beinahe. Ahnsehls Leben kommt vor, das Graffito an der Schule, die Verpflichtung. Aber dann gibt es auch viel Verfremdung. Sein Held wird auf einen Mann angesetzt, der gerade von Berlin nach Rostock zog, Ofensetzer von Beruf ist und in seiner kleinen, mit Büchern vollgestopften Wohnung seltsame Botschaften auf Schmetterlingskarten versendet. Des jungen Helden Führungsoffizier entwickelt ein für seine Umgebung unfassbares Interesse an dem Mann mit seinen Schmetterlingen, er will alles über ihn erfahren. Den Grund erfährt der Leser nach und nach: Jener Führungsoffizier, ein Hauptmann, wird an seine eigene Kindheit erinnert. Auch sein Vater, den er verraten hat, 1936, in Moskau in der Zeit der stalinistischen Säuberungen, war Ofensetzer gewesen und liebte Schmetterlinge. Den Hauptmann treibt nun um, wie sich sein junger IM in einer ähnlichen Situation ein halbes Jahrhundert später verhalten wird.

          Christian Ahnsehl: "Der Ofensetzer". Roman. Grünberg Verlag, Weimar 2020. 288 S., br., 19,80 Euro.

          Aus Sicht von Leutnant Winkler, dem Untergebenen des Hauptmanns, ist das, was sein Vorgesetzter da tut, nichts weiter als Schwäche zeigen. Schwäche aber nützt nur dem Klassenfeind, Schwäche muss bekämpft werden. Winkler macht sich ans Bekämpfen und inszeniert stasi-stabsmäßig das, was die Stasi Zersetzung nannte, die psychische Zerstörung eines Menschen. Aber weil seine Zersetzungsstrategie dem eigenen Vorgesetzten gilt, führt sich die Stasi selbst ad absurdum. Das ist so spannend erzählt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legt. Zumal es zügig vorangeht mit der Handlung, die Kapitel sind kurz, kein Wort zu viel, alles lebt vom Dialog. Es gibt nur wenige Handlungsorte, die zudem immer wiederkehren, so verliert der Leser nie die Orientierung und bleibt wie gefesselt in der Geschichte, als liefe er selbst durch das Rostocker Plattenbaugebiet, säße im Stasi-Büro oder beträte eine konspirative Wohnung.

          Und doch ist damit noch wenig über das Buch gesagt. Denn Ahnsehls Stärke ist die beinahe beängstigend genaue Erinnerung. Die Farben, Gerüche, Situationen des DDR-Alltags beschreibt er so genau, dass man sie zu sehen, zu riechen, zu erleben meint. Und er schafft es, ganz nebenbei vom Lebensgefühl in der DDR zu erzählen. Dem Gefühl, es sei immer Winter, grau und bedrückend. Die umgekippten Mülltonnen, die verdreckten Straßen, die ranzigen Spielplätze, die Kohlehaufen auf den Gehwegen, die Plattenbauten mit ihrem standardisierten Leben, die Schule mit Handgranatenweitwurf und Staatsbürgerkundeunterricht, die leiernden Kassettentonbänder, das von zu Hause mitzubringenden Besteck für das Mittagessen – genau so war es. Als der Vater des Jungen eine Reise in den Westen zu einem wissenschaftlichen Kongress genehmigt bekommt, kann er sich nur kurz freuen, schon stellt sich wieder das bedrückende Gefühl ein, das werde sowieso nichts, irgendeiner werde schon noch einen Strich durch die Rechnung machen. Auch das war so typisch für die DDR, jeder wusste, dass alles, was man sich gern und mit Freude vornahm, eher scheitern als gelingen würde. Scheitern war der Normalfall.

          Erst als der Vater die Grenze passiert hat und der Zug durch den Westen rollt, glaubt er an seine Reise. Dass er gleich wieder umkehrt, ist eine andere Geschichte in diesem ungewöhnlichen und gelungenen Debüt.

          Christian Ahnsehl: „Der Ofensetzer". Roman. Grünberg Verlag, Weimar 2020. 288 S., br., 19,80 Euro.

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