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Schriftsteller Ayad Akhtar : Der Riss der Zeit geht durch das Herz

  • -Aktualisiert am

Ayad Akhtar im Wiener Burgtheater Bild: Picture-Alliance / Robert Newald

Ayad Akhtar schreibt über schmutzige Politik, gespaltene Loyalitäten und das am besten gehütete Geheimnis des Kapitalismus: Er ist genau der Schriftsteller, den wir brauchen. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Gegen Ende von Ayad Akhtars Roman „Himmelssucher“ tritt der zwölfjährige Hayat, der große Teile des Korans auswendig gelernt hat, um ein Hafis zu werden, vor die versammelte pakistanische Community seiner amerikanischen Heimatstadt. Er rezitiert fehlerlos, aber er erntet nur amüsiertes Schmunzeln von Seiten der Erwachsenen und offenen Spott von den anderen Kindern. Warum? Als Autodidakt und Sohn nichtreligiöser Eltern hat er einen gewaltigen Fehler gemacht und die Suren auf Englisch gelernt. Und das, so erklärt ihm der Imam herablassend, sei überhaupt nichts wert!

          Es ist eine grandiose Szene – ein Beweis, nebenbei gesagt, dass der Dramatiker Ayad Akhtar auch ein genuiner Romancier ist –, in der wir die Kollision zwischen einem konservativen Verständnis des Koran, für das nur der Wortlaut zählt, und einem modernen Verständnis, das Textüberlieferung, Textgeschichte und Intention in Betracht zieht, erleben – eine Kollision also zwischen den im Widerstreit stehenden Richtungen des Islam in der modernen Welt. Die Szene steht aber auch symbolisch für das Lebensprojekt des Schriftstellers Ayad Akhtar, der es immer wieder unternimmt, das Milieu seiner Herkunft für ein großes Publikum darzustellen – also aus einer Welt zu übersetzen, deren Tradition die Übersetzung ablehnt. „Der Riss der Zeit geht durch mein Herz“, schrieb der deutsche Jude Heinrich Heine im Pariser Exil. Das gilt auch für Ayad Akhtar, den Chronisten gespaltener Loyalitäten, der die schmutzige Politik sichtbar macht, die sich hinter metaphysischen Fragen verbirgt, der aber ebenso imstande ist, die banalste Politik auf die Höhe komplexer Philosophie zu heben.

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