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Rapper McGarvey über Armut : Leute wie ich schreiben nicht

Darren McGarvey Bild: mauritius images

Die Kindheit des schottischen Rappers Darren McGarvey war geprägt von Drogen und Gewalt. In seinem Buch „Armutssafari“ beschreibt er, wie er beidem entkam. Und warum sich die Debatte über Armut ändern muss.

          4 Min.

          Am 14. Juli 2017 setzt ein defekter Kühlschrank in einer Londoner Wohnung eine Küche in Brand. Innerhalb kürzester Zeit breitet sich das Feuer aus, und Grenfell Tower, ein Hochhaus mit Sozialwohnungen, steht in Flammen. 79 Menschen sterben.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der schottische Rapper Darren McGarvey, geboren 1984, sitzt zu diesem Zeitpunkt an den letzten Seiten seines ersten Buchs. „Armutssafari“, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, handelt von Menschen, die in Häusern wie Grenfell Tower wohnen. „Abgehängten“ Menschen. McGarvey ist einer von ihnen. Aufgewachsen in Glasgow, einer der Städte mit der niedrigsten Lebenserwartung in ganz Europa, erlebt er eine Kindheit voller Drogen und Gewalt. „Trainspotting“, so McGarvey, könne er nicht anschauen, weil es ihm wie ein Dokumentarfilm vorkomme. Auch er und seine Geschwister werden wiederholen, worunter sie in ihrer Kindheit gelitten haben: „Vier oder fünf von uns neigten zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens zu Alkohol- und Drogenmissbrauch. Drei haben ein Vorstrafenregister. Fünf hatten langfristige finanzielle Probleme.“

          Das trojanische Pferd

          Kindheit und Jugend schildert Garvey in den ersten Kapiteln von „Armutssafari“. Sie sind, wie er sagt, sein „trojanisches Pferd“. Will sich jemand wie er Gehör verschaffen, schreibt McGarvey, dann gelingt das am besten mit einer Biographie, die so drastisch ist, dass der Autor sich sicher sein kann, gelesen zu werden. Journalisten und Politiker suchen gerne nach Protagonisten, an denen sie verdeutlichen können, was schiefläuft in der Gesellschaft. Doch über seine Lebensgeschichte hinaus, so muss McGarvey feststellen, möchten diese Leute wenig von ihm hören: Als die BBC ihn eines Tages anfragt, als junger Schotte ohne Job von seinen Lebensumständen zu berichten, gelangt er zu einer bescheidenen Bekanntheit. Immer mehr Leute wollen von ihm etwas über eine Lebenswelt erfahren, die ihnen selbst fern ist. Doch sobald er versucht, Erklärungen dafür zu liefern, was die Gründe für diese Zustände sind, lässt das Interesse rasch nach: „Trotz des dauernden Geredes von den Sprachlosen, denen eine Sprache gegeben werden sollte, war offensichtlich, dass viele von diesen Leuten an meinen Gedanken nur interessiert waren, wenn es um meine Erfahrungen als ,Armer‘ ging. Man nahm an, dass Typen wie ich nur sehr geringe Erkenntnisse zu etwas anderem hätten.“

          Dass das eine Fehleinschätzung ist, zeigt McGarveys Buch. Es ist keine schlichte Autobiographie, sondern eine gesellschaftliche Analyse, die versucht, den Hintergründen von Armut auf den Grund zu gehen. Natürlich liegt es nah, McGarvey mit anderen Milieustudien wie der des französischen Soziologen Didier Eribon zu vergleichen. Doch das würde ihm nicht gerecht werden. McGarvey ist kein Intellektueller. Er war an keiner Eliteuniversität, hat überhaupt nicht studiert. Zum Schreiben ist er zufällig gekommen, durch den Hiphop und sein politisches Engagement. Das Ergebnis überrascht ihn selbst: „Leute wie ich schreiben keine Bücher – das sagt mir zumindest mein Kopf.“ Während Eribon mit „Rückkehr nach Reims“ versucht, sich einem Milieu anzunähern, das er verlassen hat, ist McGarvey sein Hintergrund keinesfalls fremd geworden. Er beschreibt anschaulich, wie sich Armut auf den Alltag der Betroffenen auswirkt. Wie existentieller Stress, Arbeits- und Ausweglosigkeit zwangsläufig häufig in dem münden, was den vermeintlich „Abgehängten“ immer wieder vorgeworfen wird: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Fettleibigkeit, Gewalt.

          Glasgow und die Mittelklassenpracht

          Dass seine Sprache direkter und weniger akademisch ist, macht seine Argumentation nicht simpler – im Gegenteil. Er schreibt kein populistisches Pamphlet. Das Besondere an seinem Schreiben ist vielmehr, dass er bemüht ist, sich dabei, so gut es geht, von vorgefertigten Meinungen auf beiden Seiten des politischen Spektrums freizumachen. Er ist differenziert und genau.

          Als in London der Grenfell Tower abbrennt, sterben 71 Menschen. Das Feuer löst eine Debatte über mangelnden Brandschutz und Sicherheitsmaßnahmen aus..
          Als in London der Grenfell Tower abbrennt, sterben 71 Menschen. Das Feuer löst eine Debatte über mangelnden Brandschutz und Sicherheitsmaßnahmen aus.. : Bild: AFP

          Der plakative Titel mag das verschleiern, doch weist dieser genau auf die Problematik hin, die bei McGarvey neben der Armut mitverhandelt wird: eine überstürzte Meinungsbildung und deren lautstarke, oft unüberlegte Kundgebung. Als die junge Künstlerin Ellie Harrison nach Glasgow kommt, um den „Glasgow Effect“ zu untersuchen, den Umstand also, dass Bewohner dieser Stadt eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung haben, wird McGarvey aufgefordert, zu ihrem Projekt Stellung zu nehmen. Er bezeichnet ihren Ansatz als „Armutssafari“. Eine vorschnelle Reaktion, wie er nun schreibt: „Während viele meiner Argumente korrekt waren und ich erfolgreich die Gedanken und Gefühle vieler ausdrückte, waren die Motive, warum überhaupt ich mich einmischte, weniger klar. Meine ganze Haltung gegenüber Ellies Projekt orientierte sich zwar an meinem persönlichen Interesse am Thema der sozialen Ungleichheit, es war aber auch gefärbt durch meine Vorurteile gegen Ellie selbst – als Mensch der Mittelklasse.“ Viele ihrer Ideen, so stellt er fest, sind nicht fern von seinen eigenen. So sind Harrisons Gedanken zum Klima und ihre Forderung, den Busverkehr zu verstaatlichen, nicht nur wenig abgehoben, sondern beziehen sich auch auf McGarveys eigenen Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit. Ellie Harrison, „in all ihrer Mittelklassenpracht“, sei deshalb eher Verbündete als Feindin.

          McGarvey beschreibt, wie jegliche Form der Voreingenommenheit gegenüber anderen die eigene Analysefähigkeit und Beobachtungsgabe trüben kann: Ob ein Teilnehmer seines Hiphop-Workshops im Gefängnis, der ständig das Gespräch unterbricht, aufmüpfig sein will oder Lernschwierigkeiten hat, lässt sich von außen kaum beurteilen. Dass wir dennoch immer wieder voreilige Schlüsse ziehen, ist McGarvey bewusst: „Ich kann nun nicht alle Hypothesen aus meinem Kopf verbannen, aber ich kann versuchen, mich von meinen Annahmen nicht allzu sehr steuern zu lassen. Diese Annahmen sagen ebenso viel über mich aus wie über die Menschen, die ich beobachte.“ Man kann das als banale Bemerkung abtun, wir alle haben Vorurteile, schon klar. Aber die Tatsache, dass in gesellschaftlichen Debatten immer wieder stur Positionen vertreten werden, ohne sich den Standpunkt des Gegenübers auch nur ansatzweise klarzumachen, zeigt, dass es so offensichtlich nicht ist.

          Die Meinung der anderen

          Vielleicht, so legt die Lektüre von „Armutssafari“ nahe, war der Schock über die Brexit-Entscheidung auch deshalb so groß, weil eine große Zahl der Brexitgegner sich nicht vorstellen konnte, dass so viele Menschen einer anderen Meinung als sie selbst anhängen könnten. Von denen, die hingegen für den Brexit und somit auch gegen die eigenen Interessen gestimmt hätten, so McGarvey, hätten viele dies wiederum getan, „weil sie nicht glaubten, dass es irgendetwas ausmacht“. So war es auch mit dem Grenfell Tower gewesen: Das Hochhaus war ein Jahr vor dem Brand modernisiert worden, Hinweise der Grenfell Action Group, das Gebäude sei nicht ausreichend gegen Feuer geschützt, wurden dabei ignoriert.

          Der Wunsch nach größerer Meinungsfreiheit und einer offeneren Debattenkultur ist nicht neu. Häufig wird diese Freiheit aber vor allem für die eigene Meinung gewünscht, die man in irgendeiner Form beschnitten sieht. Dass das die „Gegner“ ebenso betreffen könnte, wird häufig übersehen. Diese Einseitigkeit gibt es in „Armutssafari“ nicht. Hier kommt jeder mal dran: Angehörige der konservativen und linken Parteien, der Unter- ebenso wie der Mittelschicht. Das kann unangenehm sein, und man mag nicht alle Ansichten des Autors teilen. Doch sich beim Lesen ertappt zu fühlen, eigener Vorurteile überführt zu werden, ist ja meist ein gutes Zeichen.

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