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Rapper McGarvey über Armut : Leute wie ich schreiben nicht

Als in London der Grenfell Tower abbrennt, sterben 71 Menschen. Das Feuer löst eine Debatte über mangelnden Brandschutz und Sicherheitsmaßnahmen aus..
Als in London der Grenfell Tower abbrennt, sterben 71 Menschen. Das Feuer löst eine Debatte über mangelnden Brandschutz und Sicherheitsmaßnahmen aus.. : Bild: AFP

Der plakative Titel mag das verschleiern, doch weist dieser genau auf die Problematik hin, die bei McGarvey neben der Armut mitverhandelt wird: eine überstürzte Meinungsbildung und deren lautstarke, oft unüberlegte Kundgebung. Als die junge Künstlerin Ellie Harrison nach Glasgow kommt, um den „Glasgow Effect“ zu untersuchen, den Umstand also, dass Bewohner dieser Stadt eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung haben, wird McGarvey aufgefordert, zu ihrem Projekt Stellung zu nehmen. Er bezeichnet ihren Ansatz als „Armutssafari“. Eine vorschnelle Reaktion, wie er nun schreibt: „Während viele meiner Argumente korrekt waren und ich erfolgreich die Gedanken und Gefühle vieler ausdrückte, waren die Motive, warum überhaupt ich mich einmischte, weniger klar. Meine ganze Haltung gegenüber Ellies Projekt orientierte sich zwar an meinem persönlichen Interesse am Thema der sozialen Ungleichheit, es war aber auch gefärbt durch meine Vorurteile gegen Ellie selbst – als Mensch der Mittelklasse.“ Viele ihrer Ideen, so stellt er fest, sind nicht fern von seinen eigenen. So sind Harrisons Gedanken zum Klima und ihre Forderung, den Busverkehr zu verstaatlichen, nicht nur wenig abgehoben, sondern beziehen sich auch auf McGarveys eigenen Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit. Ellie Harrison, „in all ihrer Mittelklassenpracht“, sei deshalb eher Verbündete als Feindin.

McGarvey beschreibt, wie jegliche Form der Voreingenommenheit gegenüber anderen die eigene Analysefähigkeit und Beobachtungsgabe trüben kann: Ob ein Teilnehmer seines Hiphop-Workshops im Gefängnis, der ständig das Gespräch unterbricht, aufmüpfig sein will oder Lernschwierigkeiten hat, lässt sich von außen kaum beurteilen. Dass wir dennoch immer wieder voreilige Schlüsse ziehen, ist McGarvey bewusst: „Ich kann nun nicht alle Hypothesen aus meinem Kopf verbannen, aber ich kann versuchen, mich von meinen Annahmen nicht allzu sehr steuern zu lassen. Diese Annahmen sagen ebenso viel über mich aus wie über die Menschen, die ich beobachte.“ Man kann das als banale Bemerkung abtun, wir alle haben Vorurteile, schon klar. Aber die Tatsache, dass in gesellschaftlichen Debatten immer wieder stur Positionen vertreten werden, ohne sich den Standpunkt des Gegenübers auch nur ansatzweise klarzumachen, zeigt, dass es so offensichtlich nicht ist.

Die Meinung der anderen

Vielleicht, so legt die Lektüre von „Armutssafari“ nahe, war der Schock über die Brexit-Entscheidung auch deshalb so groß, weil eine große Zahl der Brexitgegner sich nicht vorstellen konnte, dass so viele Menschen einer anderen Meinung als sie selbst anhängen könnten. Von denen, die hingegen für den Brexit und somit auch gegen die eigenen Interessen gestimmt hätten, so McGarvey, hätten viele dies wiederum getan, „weil sie nicht glaubten, dass es irgendetwas ausmacht“. So war es auch mit dem Grenfell Tower gewesen: Das Hochhaus war ein Jahr vor dem Brand modernisiert worden, Hinweise der Grenfell Action Group, das Gebäude sei nicht ausreichend gegen Feuer geschützt, wurden dabei ignoriert.

Der Wunsch nach größerer Meinungsfreiheit und einer offeneren Debattenkultur ist nicht neu. Häufig wird diese Freiheit aber vor allem für die eigene Meinung gewünscht, die man in irgendeiner Form beschnitten sieht. Dass das die „Gegner“ ebenso betreffen könnte, wird häufig übersehen. Diese Einseitigkeit gibt es in „Armutssafari“ nicht. Hier kommt jeder mal dran: Angehörige der konservativen und linken Parteien, der Unter- ebenso wie der Mittelschicht. Das kann unangenehm sein, und man mag nicht alle Ansichten des Autors teilen. Doch sich beim Lesen ertappt zu fühlen, eigener Vorurteile überführt zu werden, ist ja meist ein gutes Zeichen.

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