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Thomas Macho wird 70 : Pionier der Kulturwissenschaft

Wiener Kosmopolit: Thomas Macho Bild: picture-alliance/ ZB

Der Kulturhistoriker Thomas Macho ist einer der beweglichsten Köpfe eines Fachs, das ohne ihn ein anderes wäre. Am Samstag wird er siebzig Jahre alt.

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          Nach einer Unterscheidung von Isaiah Berlin gibt es unter den Denkern die Igel, die eine große Sache wissen, und die Füchse, die viele Ideen verfolgen. Thomas Macho würde man auf den ersten Blick zu den Theoriefüchsen zählen. Der in Wien lebende und lehrende Kulturhistoriker hat zu Menschen und Tieren, Schuld und Schulden oder zur Ästhetik der Mundhöhle geschrieben. Was ihn von der kulturwissenschaftlichen Faszination an allem und jedem abhebt, ist sein Zug ins Existenzielle. Er drückt sich in Publikationen über die Zeit, den Suizid oder den Tod aus.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Macho kommt nicht von der Theorie, sondern von der Lust am Gegenstand, dem er immer wieder originelle Perspektiven abgewinnt. Die Auflösung einer klaren Grenzlinie zwischen Mensch und Tier betrachtet er etwa nicht als Kränkung des humanen Sonderbewusstseins, sondern als trostreiche Einsicht, dass wir nicht ganz so allein auf der Welt sind. Den Freitod interpretierte er mit Rückgriff auf die Antike als heroische Selbstdisziplin, die das moderne Projekt der Selbstbestimmung zu Ende bringt. Und in seinen Studien über die Zeit und die Chronologie geht es um das Erschrecken darüber, wie viel Zeit vergehen musste, bis die westliche Zivilisation bemerkte, wie sie über die Zeitmessung die ganze Welt kolonisiert, oder milder ausgedrückt: synchronisiert hatte und wie viel Aufwand dafür zu betreiben war.

          Sein musikalischer Stil und seine Leichtigkeit in der Bewältigung großer Stoffe trugen ihm 2019 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Publizistik ein. Sein Charme mag darüber hinwegtäuschen, wie ernst es ihm in der Sache ist. In seiner ersten, der Musik und Philosophie gewidmeten Phase in seiner Heimatstadt Wien setzte er sich hartnäckig für die Psychoanalyse ein, die damals unter die Räder des Empirismus zu geraten drohte. Eine tragende Rolle spielte er für den Weg der Berliner Humboldt-Universität in die Bundesrepu­blik. Als einer der Hauptdrahtzieher der kulturwissenschaftlichen Wende, die den erstarrten Geisteswissenschaften neues Leben einhauchen sollte, gelang es ihm und seinen Mitstreitern, das schon in der DDR gegründete Institut für Kulturwissenschaften neu zu formieren und dessen DDR-Auftrag fortzuführen, eine Brücke zum Kulturleben zu sein.

          Das Institut in der Sophienstraße, an dem Macho bis 2016 Kulturgeschichte lehrte, führte Gelehrte aus West und Ost zusammen und gebar so schillernde Titel wie „Die Phantasie der Rakete bei ihrem Flug zum Mond“. Es bewährte sich als Exil für Exzentriker, die sich von Fachgrenzen gefesselt fühlten, und als Katalysator neuer Theorieströmungen. Der außergewöhnlichen intellektuellen Beweglichkeit von Thomas Macho ist es mit zu verdanken, dass dort so weit auseinanderliegende Traditionen wie die deutsche Kulturwissenschaft und die angloamerikanischen Cultural Studies zumindest eine Zeit lang zusammengehalten werden konnten. Seit 2016 ist Macho Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien. Am heutigen Samstag feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.

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